REPORT 02|06
Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft
in Zentral- und Osteuropa


Herausgeber: Kontakt. The Arts and
Civil Society Program of Erste Group
Art Direktion: Collettiva Design
Redaktion: Manuela Hötzl, Antje Mayer

VOR WELCHEN GRENZEN STEHEN WIR?

Am 1. Mai 2004, jenem Tag, an dem zehn neue Länder der Europäischen Union beitraten, befanden wir uns in Moskau. Europa zelebrierte die EU-Osterweiterung. Für die Russen gab es an diesem Tag keinen Grund zum Feiern. Früher konnten sie ohne viel Aufheben in die ehemaligen Ostblockstaaten fahren. Damit war es nun vorbei. Grenzen erweitern heißt nicht Grenzen aufheben. Seit diesem Datum, so sagten unsere Moskauer Freunde, sind sie von Europa weiter entfernt als je zuvor. Ob sich Grenzen öffnen oder schließen, ist immer eine Frage des Standpunkts, und Grenzlinien ziehen sich nicht nur durch Europa, sondern auch durch die Gesellschaften und deren Biografien. Seit dem Jahr 1989 ist ein neues Europa am Entstehen und wir alle leben und gestalten es mit. Wir haben den vorliegenden „Report“ dem Thema „Migration“ gewidmet und versucht, der Realität jenseits von öffentlicher Polemik und medialer Stimmungsmache etwas näher zu kommen. Was bedeutet Ausländersein, Fremdsein, Heimat oder Multikulturalität im europäischen Alltag? Was heißt Integration? Und: Vor welchen Problemen und Grenzen stehen wir wirklich? Corinna Milborn besuchte für uns die Ostgrenzen Europas und zeigt den Umgang mit Flüchtlingen auf; Florian Klenk widmet sich den deutschen Türken, und Duška Anastasijević reihte sich in die Schlangen von Visum-Werbern vor Belgrads Botschaften ein. Staaten und Europa haben Grenzen, die Menschen ihre Biografien: Sybille Hamann und Bernhard Odehnal berichten von eigenbrötlerischen Bauern in den Bergen Südpolens, und Radek Knapp verweist auf den Vorteil, „Ausländer in Polen“ zu sein. Umspannt wird der „Report“ diesmal von den Arbeiten der russisch-österreichischen Künstlerin Anna Ceeh, die zudem noch gemeinsam mit Franz Pomassl die Reise von Wien bis Wladiwostok angetreten hat, um für die beiliegende CD „Melodia“ bislang unbekannte Musikregionen und Musiker aufzuspüren. Dabei ist auch sie immer wieder in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion auf den Spuren ihrer eigenen Geschichte gewandelt. Migration ist (für uns) eine längst gelebte europäische Realität: Wir sind Letten, Slowenen, Kroaten, Bosnier oder deren Freunde geworden. Wer die Neu-Formation Europas erlebt hat, hat auch die Bereicherung und das produktive Miteinander erlebt – und zwar als Normalität und ständige (EU-)Erweiterung.

Herzlichst
Ihr Redaktionsbuero
Manuela Hötzl, Antje Mayer



updated on 01 // 2016