REPORT 02|07
Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft
in Zentral- und Osteuropa


Herausgeber: Kontakt. The Arts and
Civil Society Program of Erste Group
Art Direktion: Collettiva Design
Redaktion: Manuela Hötzl, Antje Mayer

WAS IST WESTEN?

Wo beginnt der Osten, wo der Westen in Europa? Geografisch ist das – mehr oder weniger – klar definiert, politisch und soziokulturell immer noch eine Sache des jeweiligen Standpunkts. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist der Osten augenscheinlich nicht mehr außerhalb und fremd. Alles gut, Westen gut? Ja, meint die rumänische Journalistin Kathrin Lauer in ihrem Kommentar im vorliegenden „Report“: Die ehemaligen Ostblockländer seien „wieder nach Hause in die westliche Welt zurückgekehrt“. Welche Welt aber repräsentiert der „Westen“? Westeuropa und Nordamerika? Abendländische Kultur? Das geografische Europa? Die politisch-wirtschaftliche Gemeinschaft EU? Die NATO-Länder? Inzwischen sind Westen und Osten in Europa eine Einheit geworden und dennoch gänzlich verschieden. Ganz so einfach lässt sich Geschichte eben nicht europäisieren. Alte Rechnungen sind offen, Vorurteile werden immer noch polemisch abgehandelt und fest geprägte Bilder wollen das Denken nicht verlassen. Im Westen gehört etwa ein gewisser Antiamerikanismus – spätestens seit Beginn des Irakkriegs – fast schon zum guten Ton. Nicht so im ehemaligen Osten, wo Bush – und übrigens auch der Papst – als wichtige Garanten für die „Rückkehr in den Westen“ erscheinen. Der Kalte Krieg und seine Protagonisten Russland und die USA beeinflussen im ehemaligen Osten noch prägnant die gesellschaftliche
Diskussion. Angst verjährt nicht. Das „Neue Europa“ ist zwar – immer noch – eine Orientierungsfrage, aber eine, die sich nicht nur auf geografische Himmelsrichtungen wie Ost und West beschränkt. Die Ukraine kämpft ob ihrer gespaltenen Identität zwischen Ost und West wie kein anderes europäisches Land um Einheit. Ungarn versucht händeringend, ohne nationalistische Tendenzen eine nationale Identität zu definieren. Polen gerät angesichts neuester militärischer Pläne der USA ungewollt wieder zwischen die Fronten der alten Gegner des Kalten Kriegs und kämpft gleichzeitig um ein gesellschaftliches Gleichgewicht zwischen extremem Konservativismus und Moderne. Europa ist nur eine Gesinnung, keine Einheit; es bewegt sich jedoch, befindet sich inmitten seines Findungsprozesses. Wir haben für den vorliegenden „Report“ Menschen aus dem ehemaligen Osten nach ihrer Sicht auf den ehemaligen Westen befragt, gedacht als eine Art „Schubumkehr“ nach Jahren westlich dominierter Analysen des Ostens: Die ukrainische Schriftstellerin Marjana Gaponenko, der kroatische Autor Bora Ćosić und der russische Journalist Fjodor Lukjanow geben höchst unterschiedliche Blickwinkel zu Protokoll; so auch der slowakische Künstler Roman Ondák, der unser Magazin diesmal mit seinem Memory-Spiel „Futuropolis“ bereichert hat, mit Bildern von Freunden, die ihre Zukunftsideen von Städten aufgezeichnet haben. Deren Visionen führen uns vor Augen, wie ähnlich wir Menschen doch letztlich alle denken, fühlen, wünschen, ob nun „Ossi“ oder „Wessi“. Also drehen und wenden Sie – mit Roman Ondák – Richtung Ost, West, Süd, Nord und denken Sie daran: Andere Perspektiven können die Welt verändern.

In diesem Sinne verbleibt herzlichst
das Redaktionsbuero
Antje Mayer und Manuela Hötzl

updated on 01 // 2016