REPORT 01|07
Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft
in Zentral- und Osteuropa


Herausgeber: Kontakt. The Arts and
Civil Society Program of Erste Group
Art Direktion: Collettiva Design
Redaktion: Manuela Hötzl, Antje Mayer

DIENSTMÄDCHEN DES 21. JAHRHUNDERTS

Der Schwerpunkt „Frauen in Ost und West“ war schon lange angedacht, denn das Thema umfasst die gesellschaftlichen Bereiche unseres Lebens, die jeden von uns, Frau wie Mann, täglich und damit am intensivsten berühren: Partnerschaft, Familie, Mutter- und Vaterschaft, Kinder, Liebe, Gesundheit, Bildung, Job. Es ist erstaunlich, wie sehr das Verhältnis zwischen Frauen und Männern als Seismograf des Zustandes, der Identität, einer Gesellschaft dienen kann. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung wird im Zuge eines neuen Bedürfnisses nach nationaler und gesellschaftlicher Selbstfindung – vor allem auch in Osteuropa – wohl gerade deswegen derzeit über Themen wie Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Kindererziehung und Familie so emotional und intensiv debattiert. Mit Blick auf die jungen Demokratien in Osteuropa muss man jedoch erstaunt feststellen, dass die genannten Bereiche, etwa was die Abtreibungs- oder die Kinderbetreuungsfrage betrifft, nach 1989 eher einen Rückschritt in Richtung traditioneller Rollenbilder erfahren haben. Auch wenn nicht unerwähnt bleiben sollte, dass die Frauen nicht zuletzt wegen des männlichen Personenkults im Kommunismus letztlich auch dort an der „gläsernen Decke“ scheiterten. So wurde nach der Wende etwa in Polen die Abtreibung wieder unter Strafe gestellt, wiewohl sie zu sozialistischen Zeiten erlaubt war. Viele Kinderbetreuungsstätten, die in den kommunistischen Ländern gratis oder gegen ein geringes Entgelt besucht werden konnten, wurden in Zeiten des marktwirtschaftlichen Renditedenkens aus Kostengründen geschlossen. Nicht zuletzt deswegen zogen sich Frauen – gezwungenermaßen – in den letzten 18 Jahren eher wieder aus dem Erwerbsleben zurück, während sie vor der Wende voll berufstätig, auch in traditionell männlich besetzten Bereichen, sein konnten. Dass Paare zunehmend weniger oder gar keine Kinder mehr bekommen, stellt in den Ländern der Europäischen Union mittlerweile ein ernst zu nehmendes Problem dar. Frauen aus Osteuropa arbeiten aufgrund der angespannten Arbeitsmarktlage oft – größtenteils illegal – als Altenpflegerinnen, Putzfrauen oder Prostituierte im Westen, während ihre Männer zu Hause sich – bestenfalls – um den Haushalt und die Kinder kümmern. Ein neues, altes „Dienstmädchenphänomen“, das man ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert kennt und das als längst überholt galt. Aber es gibt auch Positives zu berichten, mehr und mehr, von den Heldinnen des Alltags, den Erfolgreichen, den Frauen, die Gleichberechtigung leben und täglich immer wieder umzusetzen versuchen. Von all jenen Frauen erzählen wir im vorliegenden „Report“ und sind uns bewusst, dass die Beiträge diesmal teilweise ernst geraten sind. Aber das Thema ist wohl leider immer noch ernst, es ist ernst zu nehmen, eine hochpolitische Angelegenheit, über die es sich für Männer wie Frauen gleichermaßen nachzudenken lohnt.

In diesem Sinne verbleibt herzlichst
das Redaktionsbuero
Antje Mayer und Manuela Hötzl



updated on 01 // 2016