REPORT 02|05
Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft
in Zentral- und Osteuropa


Herausgeber: Kontakt. The Arts and
Civil Society Program of Erste Group
Art Direktion: Collettiva Design
Redaktion: Manuela Hötzl, Antje Mayer

WOHIN MIT EUROPA?

Haben Sie auch einen europäischen Traum wie der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin? Bezeichnen Sie sich, wie der britische Premier Tony Blair, als ein „leidenschaftlicher Europäer“
oder fühlen Sie eher mit der ukrainischen Pop- Ikone Ruslana Lyzhichko, die „Politik langweilig“
findet? Aber wären Sie dann auch bereit, für Ihre demokratischen Ideale in den Hungerstreik
zu treten? Das jedenfalls hat Ruslana Lyzhichko während der „Orangen Revolution“ in der Ukraine getan. Wie auch immer, Sie wissen so gut wie wir: In Europa ist derzeit nicht alles eitel Wonne. Heftiger denn je ist die Debatte über die Zukunft der Europäischen Union entfacht: Die direkte Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden, die festgefahrenen Budgetverhandlungen, ein undurchsichtiger Bürokratieapparat oder die jüngsten Anschläge scheinen, nicht zuletzt in emotionaler Hinsicht, das Projekt Europa zu gefährden und Ängste auf
regionaler und nationaler Ebene freizusetzen. Wir glauben trotz der Krisen immer noch fest an
die Idee Europa. Nur: Wie soll es weitergehen? Wir haben dazu Menschen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft befragt und einige erstaunlich neue Antworten dazu erhalten.
Ein streitbarer Wegbegleiter von Europa, der in der Krise eine Chance sieht, ist der ÖVP-Politiker
Erhard Busek. Er wagt im Interview mit „Presse“-Journalist Michael Prüller die Grundsatzfrage:
Will Europa sich selbst überhaupt – oder nicht? Aus der Sicht Jeremy Rifkins, den wir für Sie in
München anlässlich der Verleihung des internationalen Buchpreises „Corine“ getroffen haben,
ist Europa das einzige politische Modell weltweit, das so etwas wie globale Verantwortung
stärken kann. Für Rifkin gründet sich Europa nämlich nicht auf dem Begriff der „Autonomie“,
sondern auf dem des „Eingebundenseins“. Der Historiker Karl Schlögel gibt sich weniger abstrakt: Im Gespräch mit dem Journalisten Bert Rebhandl erzählt er, warum man Europa auch auf einem riesigen Basar für Gebrauchtwagen in Litauen entdecken kann. Keine Kontaktschwierigkeiten mit Europa zeigt auch Sängerin Ruslana Lyzhichko (im Interview mit Moskau- Korrespondent Eduard Steiner). Im Gegenteil: Sie nutzt ihren enormen Bekanntheitsgrad als UNICEF-Botschafterin und Unterstützerin der OSZE im Kampf gegen den Menschenhandel. Den zweiten Teil des Magazins haben wir dem voraussichtlich nächsten EU-Mitgliedsland Rumänien gewidmet. Kultur habe, so der Autor Jeremy Rifkin, Märkte und Regierungen überhaupt erst entstehen lassen, noch nie wäre es umgekehrt gewesen. Deswegen setzen wir dort auch in Rumänien an, bei der Kultur: Nina Schedlmayer stellt Galerien in Bukarest vor, Nikolaj Nikitin, der Chefredakteur des Filmmagazins „Schnitt“, die junge und überaus erfolgreiche rumänische Filmszene und die Autoren Sibylle Hamann und Bernhard Odehnal Transsilvanienin einem wunderbaren Reisebericht. Der bis heute höchst umstrittene Ceauşescu- Palast und das dort jüngst einquartierte MNAC (Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, Bukarest) ist Thema unserer beliebten wie streitbaren Statementreihe. Dazu hat Nina Schedlmayer sogar die Architektin des Megapalastes, Anca Ma˘rculet¸ Petrescu, am Telefon gehabt. Ein besonderer Dank geht diesmal an den rumänischen Künstler Dan Perjovschi, der teilweise eigens für uns Zeichnungen zu unseren aktuellen Themen angefertigt hat, die den Witz, die Ironie und die Schärfe haben, wie wir sie so gern mögen. Wir wünschen viel Vergnügen – und besuchen Sie unser Magazin, das achtmal im Jahr online erscheint, mit einem großen Archiv, Datenbanken und einem täglich aktualisierten Kulturkalender für Zentraleuropa.

Herzlichst verbleiben
Manuela Hötzl und Antje Mayer



updated on 01 // 2016