REPORT 02|08
Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft
in Zentral- und Osteuropa


Herausgeber: Kontakt. The Arts and
Civil Society Program of Erste Group
Art Direktion: Collettiva Design
Redaktion: Manuela Hötzl, Antje Mayer


BAUSTELLE EUROPA

Im Osten wird viel gebaut. Das ist nichts Neues. Nicht nur Moskau, die bekannteste Baustelle der Welt, erweitert, verändert und erneuert sich. Auch andere, zum Teil junge Hauptstädte wie etwa Bratislava haben sich in den letzten Jahren rasant verwandelt. Die Innenstädte der kleinen und grossen Metropolen sind längst renoviert und herausgeputzt, Hochhäuser, Bürogebäude und Headquarter spriessen förmlich aus dem Boden. Was benötigt wird, erfährt rasche Umsetzung. Doch Bauen ist nicht gleich Architektur. Was aber ist Architektur?
Abgesehen von aktuellen Tendenzen kämpft man in den ehemaligen Ostblockländern und in Ex-Jugoslawien mit der Vergangenheitsbewältigung. Architektur ist immer auch ein Zeichen ihrer Zeit; Macht und politische Interessen werden darin verewigt. Architektur war und ist eine wichtige Repräsentantin von Ideologien. Dass man sich mit dieser relativ jungen Geschichte ungern beschäftigt, liegt auf der Hand. Abgesehen davon hat es der Denkmalschutz hinsichtlich der letzten 50 Jahre auch im Westen schwer. Manchmal ist Distanz nötig, um Bedeutung besser einschätzen und anerkennen zu können. Doch bei Häusern „heilt die Zeit nicht alle Wunden“, sondern man lässt sie verfallen.
Der vorliegende „Report“ stellt sich den Fragen der Architektur und sucht nach regionalen wie globalen Tendenzen und Stilrichtungen. Sebastian Fasthuber hat Kenner der Szenen in Bosnien, Kroatien, der Slowakei, Slowenien und Ungarn für uns befragt und eine europäische Haltung herauskristallisiert. Auch wenn Architektur nicht (immer) regional bewertet werden kann, ist doch manchmal, wie im Fall von Estland, ein roter Faden in der Historie zu finden. Diesen verfolgte Georg Schöllhammer für uns. Wolfgang Pauser analysiert den „öffentlichen Bau“ an sich und fragt nach der Bedeutung von Repräsentanz in der Architektur. Berenika Partum wiederum dokumentiert die vielen im Entstehen begriffenen Museen in Polen, die nach formalen auch inhaltliche Debatten auslösen. So stellt Europa nicht nur eine politische Baustelle dar.
Und fernab von zeitgenössischer wie schützenswerter Baukunst vermittelt der albanische Künstler Edi Hila in der vorliegenden Ausgabe ein anderes Bild von Architektur. Er widmet sich der „vergessenen, unsichtbaren“ Architektur und porträtiert Physiognomien von Baustellen, von verlassenen, unfertigen Gebäuden wie von Menschen aus dem 19. Jahrhundert, indem er den urbanen als auch den topografischen Kontext verlässt. Wir hingegen bleiben in einem Europa, das baut, baut und aufbaut.

Herzlichst Ihr Redaktionsbuero
Manuela Hötzl, Antje Mayer


updated on 01 // 2016