GUIDE 01
Ausstellungsguide 01:
Birth of the Cool
- die fabelhafte Welt
der Architektur, ihren Bausteinen
und ihren Materialien

September 2007, ofroom


Material ist dumm. Selbst wenn es knarzt, weil es sich doch mal dehnt oder spannt, gibt es zwar Laut, ist aber immer noch stumm, weil dumm. Es hat uns nichts zu sagen. Derzeit ist eine Revolution im Gange, die erste lautlose Revolution der Geschichte: Das Materialzeitalter ist angebrochen – und kaum einer hat davon gehört. Und doch: „Intelligente Materialien“ sind schon zum Schlagwort geworden! Zwar weiß man nicht, was dieser Ausdruck bedeuten soll, aber er hat Charme. Besticht er doch mit der Paradoxie, jenem Phänomen Intelligenz zuzusprechen, das unter allen Phänomenen dieser Welt das garantiert
unintelligenteste ist: dem rein Stofflichen. Das klingt unterhaltsam, macht kurz Karriere in Medien und ist schon wieder stumm – materialgerecht, könnte man sagen...

Die Erfahrungswelt des Bauens ist immer schon der metaphorische Bezugsrahmen, aus dem der Begriff Materie seine evidente Sinnhaftigkeit in Philosophie und Naturwissenschaft bezogen hat. Die Frage, „aus was etwas ist“, hat im Baugeschehen eine fraglose Relevanz. Doch auch das Bauen wird komplexer.
Steine oder Ziegel wie Atome aneinanderzureihen und aufzutürmen, ist nicht mehr für alle Bauten charakteristisch. Schon bei der statischen Konstruktion eines Gefüges von Verstrebungen materialisiert sich eine Rechenoperation in einer Weise, die eine Unterscheidung von Information und Materie unsinnig erscheinen lässt. Umso mehr, als nun auch intelligente Materialien, die auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren, zunehmend in Bauten Verwendung finden. Damit diese Entwicklung weiter vorangeht, bedarf es nicht nur ausreichender Information zur Sachkenntnis.
Es muss auch ein neues Verständnis von dem, was Material heute überhaupt heißt, erlangt werden, um gedanklich die heute materialisierte Intelligenz in die eigenen Gestaltungsansätze und Herangehensweisen zu integrieren.

Intelligentes Material denken zu lernen, ist heute nicht nur eine philosophische, sondern eine berufspraktische Herausforderung für alle, die Wirklichkeiten gestalten. Denn wer wollte nicht den Materialien, die er verwendet, gedanklich gewachsen sein?
Wolfgang Pauser für OFBOOK 01

updated on 01 // 2016