REPORT 01|08
Magazin für Kunst und Zivilgesellschaft
in Zentral- und Osteuropa


Herausgeber: Kontakt. The Arts and
Civil Society Program of Erste Group
Art Direktion: Collettiva Design
Redaktion: Manuela Hötzl, Antje Mayer

WER GLAUBT NOCH WAS ?

Seien wir einmal ehrlich: Nichts beschäftigt den Menschen so sehr wie sein Glaube. Auch wenn er glaubt, nicht zu glauben. Wir sprechen an dieser Stelle noch nicht von Religion. Auch Atheisten haben ihre Prinzipien, ihre individuellen Vorstellungen und Ziele, die ihr persönliches Leben sinnvoll oder zumindest erfüllt gestalten sollen. Das hat noch immer nichts mit Religion zu tun. Und doch braucht man keine Sakramente, um katholisch, protestantisch oder orthodox erzogen worden zu sein. Wir sind in Europa in verschiedenen Kulturen und unter vielfältigen politischen Konstellationen aufgewachsen – und nun in einem gemeinsamen Europa vereint. Noch immer gibt es Zweifel, taucht Skepsis auf, und es wird die Zukunft Europas unter vielerlei Gesichtspunkten diskutiert, aber kein Thema beschäftigt die Europäer emotional so stark wie Religion. Es ist das Ost-West-Thema schlechthin. Infolge der letzten EU-Erweiterung leben nun über 40 Millionen Orthodoxe in der Europäischen Union, mit Katholiken, Protestanten, Muslimen und Juden – um nur die größten Glaubensgemeinschaften zu nennen. Dazu kommt das jahrzehntelange Religionsvakuum in den ehemaligen kommunistischen Ländern. Aber war es wirklich ein Vakuum? Was bedeutet Religion in den verschiedenen Gesellschaften – und nicht zuletzt in der Politik? Ersetzt Glaube eine fehlende politische Ideologie oder ist er ausschließlich eine Frage des Zusammenlebens, der Toleranz gegenüber dem jeweils „anderen“, der Moral oder der unterschiedlichen Kultur? „Glauben heißt: nicht wissen“, lautet ein oft zitierter Satz. Wir denken, die Umkehrung ist der Fall. Wir müssen wissen und erfahren, um in einem multikulturellen Europa, das zweifellos existiert, zu einer gemeinsamen und friedlichen Zukunft zu gelangen.

Der vorliegende „Report“ ist der Versuch, der Geschichte der Religionen nachzuspüren, deren aktueller Verantwortung, dem Bewusstsein – und nicht zuletzt auch der Modeerscheinung „Religion“. Religion ist ein politisches Thema, mehr, als man glauben möchte. Der junge Politikwissenschaftler Vedran Dzihic berichtet für uns ganz aktuell aus den ehemaligen jugoslawischen Ländern und beschreibt die Zusammenhänge zwischen Religion und Nationalismus. Der Autor Robert Misik, dessen Buch „Gott behüte! Warum wir die Religion aus der Politik raushalten müssen“ im Februar 2008 erschienen ist, geht den Leidenschaften in Politik und Religion nach, und die Journalistin Kathrin Lauer hat für „Report“ das rumänische Frauenkloster Râmet besucht. Seinen Weg über den Atheismus zu Gott beschreibt Russlands renommiertester Missionar, der Moskauer Diakon Andrej Kurajew, im Interview mit Eduard Steiner. Und Bernhard Odehnal erörtert im Gespräch mit dem Theologen Ernst Christoph Suttner den historischen Hintergrund des schwierigen Dialogs zwischen orthodoxen und lateinischen Kirchen in Ost- und Westeuropa.
Religion ist der Umgang mit der Geschichte Europas, seinen Menschen und Glaubens-gemeinschaften. Dieses vielfältige Spektrum des Glaubens und seiner Erscheinungen zeigt auch der bulgarische Künstler Luchezar Boyadjiev, der den „Report“ diesmal mit seiner Fotoserie „Visually Speaking_001“ mitgestaltet hat. Wir danken allen Autoren und Beteiligten und hoffen, zu einem besseren Ost-West-Dialog beigetragen zu haben. Es sind die kleinen Schritte, die uns einander näherbringen – und das Verständnis für die „anderen“ fördern. Daran glauben wir.

Herzlichst
Ihr Redaktionsbuero
Manuela Hötzl, Antje Mayer

updated on 01 // 2016