INTERVIEW - Stille Überlegungen, die funktionieren müssen
Manuela Hötzl im Geschpräch mit Adolf Krischanitz

Adolf Krischanitz ist sicher einer der vielseitigsten Architekten in Wien – und vielleicht deswegen so schwer greifbar. Als Professor an der TU-Berlin???, mit Büros in Wien, Zürich und Berlin oder früher als Vorstand der Secession und Mitglied der Gruppe „Missing Link“ bereitet er sich selbst ein Arbeitsfeld, dass von Ausstellungen bis zu städtebaulichen Studien reicht. In Wien realisiert er gerade eine Musterhaussiedlung, initiiert von dem Betonhersteller Lafarge – in Zürich baut er das ... Museum. Mit den Forum spricht er über städtebauliche Strategien und Wien als Stadt der punktuellen Ereignisse.

Städtebau ist unter den Wiener Architekten fast eine Marktnische. Sie haben sich seit jeher damit beschäftigt. Ist für Sie Städtebau ein Teil der Architektur oder Architektur ein Teil des Städtebaus?
Der Städtebau ist eine Disziplin, die einerseits sehr viel mit Architektur zu tun hat, andererseits sehr wohl ganzheitliche Aspekte produziert und keinesfalls vom Einzelhaus ausgehen sollte. Es stellt sich die ewige Streitfrage: Ist die Stadt eine Summe aller Häuser oder ist die Stadt ein ganzheitlicher Organismus?


Ich glaube, es müsste beides möglich sein. Wenn man städtebaulich arbeitet, sieht man an guten internationalen Architekten, dass jedes Haus, immer auch ein städtebauliches Statement darstellt. Wie Luigi Snozzi, der phantastisch Bezugsebenen verknüpfen kann und in jeder kleinen Aufgabe nie das Gesamte außer acht lässt oder aus spektakulären Gründen eine Einzelleistung machen würde.

In Österreich existieren solche Ansätze nicht? Warum?

Das liegt natürlich zum Teil an der Ausbildung. Ich sehe das immer wieder bei Diplomkorrekturen oder Gastkritiken. Der städtebauliche Moment unterliegt als Disziplin immer mehr einer Vorgangsweise, in der das spektakuläre Einzelgebäude alle Probleme durch eine Auffälligkeit löst. Wenn sich ein Gebäude gegen andere behauptet, wird das als positiv gesehen! Es ist fast ein Psychogramm der Architekten selbst, die sich dauernd gegen andere behaupten wollen. Das scheint auf die Gebäude übertragen zu werden. Doch viele spektakulären Sachen, sind der spektakulären Sache tot und wenn lauter solche formalen „Chrashes“ gebaut werden, bleibt nichts mehr übrig von einer Stadt.

Ist der Potsdamer Platz in Berlin ein solches Beispiel?
Dieser Platz ist sicher eine Sprachverwirrung ersten Ranges. Ich glaube aber, dass auf allen möglichen Ebenen Missverständnisse zustande kommen – nach einem Applaus der Falschen. Letztendlich entsteht dadurch, dass eigentlich alles möglich geworden ist, eine relativ brisante Mischung, die nicht sehr qualitätsvoll ist. In dieser Situation befinden wir uns gerade.

Lernt man auf der Universität die eigene Stadt nicht mehr kennen und konzentriert sich auf einen Hochhausbau in Singapur?
Offensichtlich! Das war zu unserer Zeit noch anders. Leute, die sich nachdrücklich mit der Stadt beschäftigten, werden nicht wirklich geschätzt. Es kommt auch nicht mehr wirklich vor. Übrig geblieben sind viele, die sich in einer gewissen Distanz zu der Stadt befinden, die auch gar nicht damit umgehen können, was manchmal eine interessante Lösungen ergeben kann. Es können auch Projekte wirksam sein, die adäquat agieren – doch das wird dann kritisch gesehen. Die Aufregung um Wien Mitte ist solch ein Beispiel. Das ist für mich ein Rätsel: einerseits führt man ein unheimliches Theater auf, aber die Bibliothek am Gürtel findet man ganz gut und spielt überhaupt keine Rolle.

Bleiben wir gleich bei dem aktuellen Projekt „Hauptbibliothek“. Für dieses Grundstück haben Sie im Jahre 1994 ein Projekt für Baumeister Lugner entwickelt und damit praktisch den Grundstein für die Bibliothek gelegt.
Fataler Weise schon. Ich hatte damals den Direktauftrag für ein Jugendzentrum, dass Richard Lugner im Anschluss an seine Geschäftswelt bauen wollte und mit der U-Bahnstation verbunden sein sollte. Ein Jugendzentrum, als dynamisches Element erschien mir an diesem urbanen Ort als richtig. Das Konzept war auch die Fortsetzung eines Verkehrsbaus. Der von mir vorgeschlagene Pavillon sollte den Charakter des fließenden Verkehrs aufnehmen. Pavillon kommt ja von „Papillon“, der Schmetterling – und ist etwas leichtes, fast schwebendes. Und das absolute Gegenteil ist jetzt gebaut worden. Die Gürtelschneise wird zerstört und das Gebäude klebt praktisch über der U-Bahn.

Warum wurde der Pavillon „Die Wolkenspange“ damals nicht realisiert?
Das Projekt wurde damals von Fachbeirat auf Grund von Unverträglichkeit abgelehnt. Das muss man sich vorstellen. Aber mein Vorreiterprojekt hat schließlich wie ein Schneepflug für die Bibliothek gewirkt. Jetzt zeigt es vor allem die Ambivalenz solcher Unterfangen. Ich wollte damals durchsetzen, dass unter bestimmten Umständen, ein Bau an diesem Ort sinnvoll wäre. Das Problem ist, wenn solch eine Idee aus falschen Gründen übernommen wird – man könnte ja theoretisch sagen, es ist das selbe – aber das ist es natürlich nicht. Aus der Idee der Bewegung ist die Idee des Beharrens geworden. Es zeigt deutlich, dass man heutzutage im Städtebau sehr präzise sein muss und Nachwirkungen und Reaktionen bedenken sollte. Bereits durch die Nutzungsveränderungen sind Fehler passiert.

Bei ihren Projekten scheint für Sie das prozesshafte entwickeln das Interessante zu sein. Oder täuscht der Eindruck?
Nein, mich interessiert das hübsche Ergebnis überhaupt nicht, weil ich auch weiß, wie anfällig es ist. Ich habe auch aufgrund meiner früheren historischen Arbeiten, wie der Secession oder der Renovierung der Werkbundsiedlung, gesehen, wie vergänglich das sein kann. Auch kurzsichtig. Ich habe früh für mich festgestellt, dass ein hübsches Häuschen bauen, mir zwar im Moment ganz gut gefällt, aber es ist eigentlich nicht so schwierig oder eine permanente Herausforderung. Außerdem machen das schon genug Architekten. Mich interessieren eben die Dinge, die nicht nur entwickelt werden, sondern, die auch prozesshaft funktionieren und die längerfristig auch individuelle Kreativität des Einzelnen oder auch anderen, zum tragen bringen. So habe ich für die Stadt Weimar am Horn, die eine Siedlung wollten, eine Partitur für die Entwicklung der einzelnen Grundstücke entwickelt. Dieses Modell hat gut funktioniert, an die 40 Häuser wurden schon unter diesen neuen Prämissen der Bauordnung realisiert und das Modell soll künftig auch in anderen Gebieten Deutschlands angewandt werden.
Mich faszinieren Regelwerke, weil die ganz dominant in den Städtebau eingreifen. Bei diesen abstrakten Aspekten, wie der Linie oder der Flächen, muss man unheimlich viel arbeiten, um einen relativ komplizierten Vorgang so einfach und abstrakt als möglich wieder fassen zu können.

Warum fallen in Wien städtebauliche Strategien immer mehr unter den Tisch?
Die Schizophrenie ist hier natürlich, dass die Politik immer mehr zum Tagesgeschäft verkommt und es keine Persönlichkeiten mehr gibt, die auch in der Politik längerfristige Perspektiven verfolgen.
Die Folge davon ist, dass sich unter den Kollegen und der Gesellschaft, in Zeiten wie diesen eine große Unsicherheit breit macht. Das äußert sich dann sehr oft in einer zu ambivalenten Haltung oder Entschlusslosigkeit, weil es keine klaren, eindeutigen Strategien von der Stadtplanung gibt.

Was macht die MA21 dann noch ? Hat sie noch eine Aufgabe?
Das Problem liegt möglicherweise nicht einmal an den einzelnen Beamten, weil die gar nicht das Potential haben, sich „aus dem Fenster zu lehnen“. Das hängt weit mehr damit zusammen, dass ein ständiger Stadtratswechsel, seit Swoboda, keine Kontinuität erzeugt. Das ist gerade für die Stadtplanung problematisch. In den vier Jahren, in den denen Politiker im Amt sind, entseht ein Rhythmus der sich mit baulichen Entwicklungen nicht trifft. Wir bräuchten eine gewisse Sturheit und Sicherheit, jemand der zu den Projekten steht oder sie auch ablehnt. Diese Thematik ist momentan in Wien nicht wirklich beherrscht.

Es gibt also kein politisches Programm?
Das Programm, wenn es eines gibt, geht in die Richtung, dass man sich aus diesen städtebaulichen planerischen Fragen heraushält.

Wie ist dann das Gasometer zustande gekommen?
Das Gasometer Projekt ist auch ein mehrfacher Irrtum. Damals wurde zwar politischer Wille artikuliert. Aber auf die Idee eines Wohnbaus im Gasometer muss man erst einmal kommen. Das muss man sich mit Genuss einverleiben. Das das ganz aufregend und flockig werden kann, ist schon klar. Ein nachhaltiges Wohnprojekt, dass à la longe eine Vorbildfunktion haben kann, für eine Stadt wie Wien, bezweifle ich. Solch eine Eventarchitektur mobilisiert die Öffentlichkeit und die Politik betreibt damit auf provokativer Art Städtebau.

Also ideal für die Tagespolitik..?
Natürlich relativ ideal für die Tagespolitik. Man kann sich auch eine spektakuläre Aufgabe stellen und die dann relativ gut lösen und dann auch wieder glücklich sein, dass man über die Runden gekommen ist. Alt Erlla war sicher auch eines jener Gebiete, die spektakulär begonnen haben und durchaus imagebildend waren, für so eine Art Wohnen&Leben. Aber es stellt sich die Frage, ob solche Modelle dann nachhaltig in der Lage sind, wirklich städtebaulich etwas zu bewirken und nicht wieder schnell verpuffen.

Ist es, wie in der Medizin, schwer geworden einen ganzheitlichen Architekten zu finden?
Ein guter Vergleich. Den universalen oder ganzheitlichen Mediziner, bzw, Architekten findet man schwer. Dagegen stehen punktuelle Hochleistungsereignisse. Man verlässt sich in Wien gerne auf die spektakulären Qualitäten eines Bauwerks, was schon alleine gegen städtebauliche Strategien spricht. Ein Gebäude müsste weit über den eigenen Horizont betrachtet werden, und spielt dann sofort eine sekundäre Rolle.

Warum lehren sie in Berlin und bauen in der Schweiz und Deutschland mehr. Warum bleibt man dann noch in Wien?
1998 fragte man mich in Berlin, ob ich Lehrer werden möchte und nach einem Vortrag den ich dann dort gehalten hatte, ging ich dann zwei Jahre später dorthin. Das war interessant für mich und Berlin ist sicher meine zweite Stadt geworden. Wien ist mir in gewisser Weise zu nahe gekommen. Jetzt komme ich gerne als „Fremder“ hierher. Distanz ist wichtig als Möglichkeit, mit den Dingen in gestalterischer Weise umzugehen – anders kann ich gar nicht arbeiten. Eine wichtige Vorlesung, die ich jedes Jahr halte heißt: „Prinzip und Erscheinungsform“. An der Erscheinungsform kann man ewig basteln, aber das Prinzip, das dahinter steht, ist das eigentliche Spannungsmoment. In Österreich fehlt manchmal das Verständnis dafür. Hier hält man oft das oberflächig, formal aktive für Kunst. Alle stilleren Überlegungen, die dahinter sind, sind langsamer und schwerfälliger – aber die interessieren mich eben besonders.


updated on 01 // 2016