INTERVIEW - Sprache: „Die Revolution neu erfinden“
Der Philosoph Boris Buden im Gespräch mit Manuela Hötzl über Europa als Übersetzungsgemeinschaft


Boris Buden, der Autor des im Herbst 2004 erschienenen Buches "Der Schacht von Babel - Ist Kultur übersetzbar?", erklärt, warum der Glaube an eine kulturelle Identität naiv ist und die Gesellschaft Politik nicht mit Kultur verwechseln sollte. Er spricht von Europa als einer Übersetzungsgemeinschaft. Manuela Hötzl im Interview mit dem Philosophen.


erschienen im Report 2005

Ihr Buch beschreibt im Zuge der Analyse eines Sprachbegriffs auch die momentane Befindlichkeit von Europa. Welche Fragen wirft das Sprachproblem in Europa für Sie auf?
Die Hauptfrage in meinem Buch ist die nach der Zukunft Europas. Eine meiner Thesen: Es gibt weder eine europäische Sprache an sich, noch kann eine der europäischen Nationalsprachen diese Rolle übernehmen. Aber wie soll Europa, das sich vereinigen will, in Zukunft kommunizieren? Welche gemeinsame Sprache – die nötig wäre, wenn Europa wirklich demokratisch sein will – soll die europäische Öffentlichkeit sprechen?


Die Sprache Europas kann also nur als eine Art Übersetzungspraxis begriffen werden, eine sprachliche Kommunikation, die als Prozess ständiger wechselseitiger Übersetzungen erfolgt. Dieser Herausforderung ist man sich momentan noch gar nicht bewusst. Aber in Zukunft werden weder die Intellektuellen noch die Politiker Europas diesem Problem ausweichen können.

Im Zuge Ihrer Suche nach dem „wahren Ziel von Übersetzungen“ fahnden Sie auch nach der „verlorenen gesellschaftlichen Emanzipation“. Wäre diese der „ideologische Neuanfang von Europa“, von dem Slavoj Žižek im Klappentext Ihres Buches spricht?

Die Hauptthese meines Buches ist, dass in unserer postmodernen Zeit alle Sphären des gesellschaftlichen Lebens, vor allem aber die politische, in Kultur, oder wenn Sie so wollen, in die Sprache der Kultur übersetzt wurden. Kultur ist heute eine Art ultimativer Übersetzung geworden. Wir schaffen es nicht mehr, aus dem alles umfassenden Kulturbegriff hinauszukommen. Das ist ein Punkt, an dem klar werden muss, dass von der kulturellen Übersetzung allein keine globale Emanzipation, wie dies manche glauben, zu erwarten ist. Der „Neuanfang“, den Žižek fordert, bedeutet nichts anderes als eine Re-Politisierung unserer historischen Erfahrung und der ökonomischen Sphäre. Der erste Schritt zu diesem neuen Beginn ist die Erkenntnis, dass es eine Erfahrung auch außerhalb der Kultur gibt und dass diese Erfahrung erst durch eine praktische Veränderung zu machen ist. Früher nannte man diese Veränderung die Revolution, heute jedoch müssen wir sie neu erfinden.

Europa ist also auf dem falschen Weg, wenn es sich über eine gemeinsame kulturelle Identität definieren möchte?
Natürlich ist Europa auf dem falschen Weg, wenn es glaubt, die kulturelle Entwicklung allein könne sein Schicksal entscheiden. Dieser Glaube ist sogar sehr gefährlich, weil er uns blind für die politischen Widersprüche und neue, bislang noch unbekannte Antagonismen macht, die das Projekt der europäischen Einigung unausweichlich mit sich bringt. Gerade gegen diese politische Blindheit richtet sich mein Buch. Genauer gesagt, gegen den naiven Glauben an eine neue kulturelle Identität. Und zwar eine Identität, die jenseits der alten Vorstellung von den essentiellen Identitäten europäischer Nationen als eine Art „kulturelle Hybridität“ entstehen soll. Diese würde uns die Antwort auf eine ebenfalls entscheidende Frage der europäischen Zukunft ersparen, nämlich die Frage, ob aus Europa eine Art föderativer Nationalstaat entstehen soll. Die Souveränität der existierenden Nationalstaaten muss aber früher oder später abgeschafft werden oder, im Gegenteil, Europa muss eine ganz andere Form der Demokratie ausprobieren.

Welche kann das sein?

Das kann etwa eine solche sein, die sich auf die Tradition der europäischen Revolutionen, oder, noch präziser, auf die Erfahrungen der revolutionären Räterepubliken berufen wird.

Die Räterepubliken haben sich doch in dauernden Streitigkeiten rasch aufgelöst?
In diesem ständigen Streit, aus dem auch mein Buch heraus entstanden ist, fühle ich mich nicht so schlecht. Aber Scherz beiseite. Die Rede ist von einer anderen Demokratieerfahrung, von einem anderen Konzept der Demokratie. So wie meine eigene kulturelle Identität, falls ich eine solche haben sollte, nicht mehr in den konzeptuellen Rahmen der Nationalkultur passt. Doch eben diese lässt sich nicht mehr ins Politische übersetzen und es gibt immer noch keine Demokratie jenseits des Nationalstaates. In diesem Raum bin ich sowohl politisch als auch kulturell ein Nichts, ein Lohnarbeiter, dessen Rechte weit unter dem Niveau der Arbeiterklasse vor hundert Jahren liegen, da bin ich, wie einmal ein kroatischer Nationalist über eine Nation ohne Staat sagte, „wie Scheiße im Regen“.

Ein Kapitel Ihres Buches heißt „Die Gesellschaft, die Politik mit Kultur verwechselte“. Eine Kritik an der These der ‚Civil Society‘ als Träger von Kultur?
Zivilgesellschaft als das Subjekt einer epochalen Erneuerung der Demokratie ist bekanntlich die Erfindung Osteuropas, oder besser, der Massen und Dissidenten, die seinerzeit den kommunistischen Totalitarismus bekämpft und den so genannten Realsozialismus zu Sturz gebracht haben. Inzwischen hat sich manches geändert. Aus vielen Hoffnungen der demokratischen Revolutionen von 1989 sind Illusionen geworden. Statt einer demokratischen Erneuerung kam der globale Kapitalismus mit Arbeitslosigkeit und kriminellen Privatisierungen. Diese Entwicklung wurde begleitet von längst totgesagten Gespenstern der Vergangenheit, vor allem vom Nationalismus.

Wie drückt sich der neue Nationalismus aus?
Die Zivilgesellschaften Osteuropas haben fast vollkommen ihren normativen Wert, den sie vor 1989 gehabt haben, verloren. Auch die Veteranen der faschistischen Bewegungen aus dem Zweiten Weltkrieg oder die ehemaligen Nazi-Kollaborateure, Antisemiten und Chauvinisten jeder Art, klerikale Konservative, Pro-Life-Fanatiker, Skinheads, Kulturrassisten, Nationalisten etc., sind an manchen Orten der aktivste Teil der jeweiligen Zivilgesellschaft geworden. Vor einer solchen Zivilgesellschaft haben sich einige Menschen wie ich in die Emigration zu retten versucht. Diese historische Erfahrung wartet heute darauf, ins Politikum übersetzt zu werden. Soweit Kunst und Kultur sich dieser Aufgabe bewusst sind, können sie die heutigen Zivilgesellschaften Osteuropas auch positiv beeinflussen.

Wie haben Sie persönlich diese Veränderungen in Kroatien erlebt?

Was Kroatien betrifft, träumt dieses Land heute immer noch seinen kulturellen Souveränitätstraum und arbeitet damit an einer Selbst-Isolation seiner Kultur. Obwohl die Kroaten ihre Sprache mit Serben und Bosniern teilen, versuchen sie, ihre eigene Version von den zwei anderen radikal abzugrenzen. Auf diese Weise schaden sie unendlich ihrer eigenen Sprache. Die Folge dieses Sprachautismus ist eine Situation, die an jene aus dem 19. Jahrhundert erinnert, als sich Kroatien noch innerhalb der Habsburger Monarchie befand. Die Elite studierte damals hauptsächlich in Wien und sprach Deutsch, die Sprache des Wissens, intellektueller Kommunikation und Hochkultur. Den Volksmassen blieb die vollkommen autistische, zu einer ernsthaften kulturellen und intellektuellen Produktion gar nicht fähige kroatische Muttersprache.

Wurde Deutsch durch eine neue „Elitensprache“ ersetzt?
Heute ist Englisch die Sprache der Elite. Diese Elite studiert im Ausland, hauptsächlich an den amerikanischen oder britischen Fakultäten, wo die intellektuelle Kommunikation sich vor allem in englischer Sprache abspielt.

Kann Englisch nicht die Rolle einer gemeinsamen europäischen Sprache übernehmen?
Der französische Philosoph Etienne Balibar hat darauf aufmerksam gemacht, dass Englisch „mehr oder weniger“ die europäische Sprache ist. Aber Englisch ist auch die Sprache der globalen Kommunikation, die in vielen unterschiedlichen Formen auftritt. Andererseits ist Englisch auch die Sprache zweier der europäischen Nationen. Warum sollte also ausgerechnet diese Sprache die Rolle der Sprache Europas übernehmen?

Welche Bedeutung hat für die osteuropäischen Länder dahingehend Russisch. War es nicht lange Zeit eine gemeinsame, wenn auch erzwungene Sprache?
Russisch war nie wirklich „lingua franca“ des europäischen Ostens. Man hat zwar aus ideologischen Gründen und als Folge des politischen Drucks im ehemaligen Sowjetblock Russisch gelernt, kulturell ist es der Sowjetischen Union aber nicht gelungen, im Ostblock hegemonial zu werden. Das betrifft natürlich nicht die Länder der ehemaligen UdSSR, wo Russisch noch heute überall verstanden und gesprochen wird.

Sie gehen vom Sprachbegriff Wilhelm von Humboldts aus, der eine Nation letztlich nur über die Sprache definierte. Haben sich gerade die osteuropäischen Staaten dieses Konzept zu einfach angeeignet?
Auf dem Humboldt’schen Verständnis von Sprache als einer in sich geschlossenen Totalität und als Ausdruck einer in sich geschlossenen Gemeinschaft beruht auch die Idee einer Homologie von Sprache und Kultur, die in letzter Konsequenz impliziert, dass es keine europäische Kultur an sich geben kann bzw. dass die europäische Kultur nur eine Art Summe europäischer Nationalkulturen ist. Auch die osteuropäischen Nationen hatten die romantische Phase der Nationenbildung, und zwar meistens im 19. Jahrhundert. Das ist auch dann passiert, wenn es ihnen nicht gleich gelungen ist, diese kulturelle „Wiedererstehung“ mit der Gründung eines eigenen Nationalstaates zu krönen. Wenn sie heute diesen Prozess politisch zu Ende bringen, erscheint er uns als eine Art Anachronismus.

Passiert das Gleiche auch im Westen?
Man denke nur an all die Institutionen der so genannten Nationalkultur, die sich sowohl im Osten als auch im Westen weiterhin politischer Unterstützung erfreuen und das kulturelle Leben in ganz Europa dominieren. Institutionell sind damit die europäische Kultur und die auf Nationalsprachen basierenden Erziehungssysteme europäischer Völker noch immer auf dem Stand des 19. Jahrhunderts.

Immer mehr Staaten, auch Österreich, zwingen Ausländer, die Landessprache zu erlernen.
Halten Sie das für richtig?

Dieser Zwang ist kontraproduktiv. Außerdem ist er ebenso von einer konservativen historischen Perspektive motiviert, nämlich von der Überzeugung, die Nationalkultur bilde den ultimativen Horizont moderner Kultur, und wer sie nicht hat, sei a-kulturell oder primitiv. Der schon genannte Etienne Balibar sah gerade die Zukunft europäischer Kultur in Menschen, die den Horizont der Nationalkultur überschritten haben.

Es entstehen immer mehr Mischsprachen, die vor allem Ausländer der zweiten oder dritten Generation prägen. Welche Auswirkungen haben diese?
Ich würde sie nicht als Mischsprachen titulieren. Es handelt sich vielmehr um eine Art Hybridisation. Das ist nicht bloß ein Mischen von verschiedenen Sprachen, sondern kann auch als eine ständige, wechselseitige Übersetzung der jeweiligen Sprachen verstanden werden. Das Wichtigste dabei ist, dass durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden in der Übersetzung eine Sprache nicht verunreinigt, sondern eher bereichert wird.

Welche Übersetzungsmethoden sollen demnach in der EU praktiziert werden?
Das kann ich nicht beantworten. Etwas jedoch muss betont werden: dass Übersetzung immer mehr ist als bloß ein sprachliches Geschehen. Es ist immer auch eine kulturelle, politische und soziale Auseinandersetzung mit dem Fremden. Die so genannte sprachliche oder literarische Übersetzung ist nur ein Teil der „Übersetzungspraxis“, wie ich sie verstehe.

Sollten wir alle in Zukunft mehr Sprachen sprechen?
Ja, selbst wenn wir sie nicht perfekt sprechen und verstehen, sollten wir sie in den Mund nehmen, um ihren Geschmack zu kosten.




Boris Buden , geb. 1958 in Kroatien, studierte klassische und moderne Philosophie in Klagenfurt, Zagreb und Ljubljana. Seit 1984 arbeitet er als freier Journalist und Publizist. Buden veröffentlicht regelmäßig auf Deutsch, Englisch und Französisch philosophische, politische und kulturkritische Essays. Als Aktivist der kroatischen Friedensbewegung rief er 1993 die Zeitschrift „arkzin" ins Leben. Sein neuestes Buch „Der Schacht von Babel. Ist Kultur übersetzbar?“ trifft, wie Slavoj Žižek schreibt, „mitten ins Herz des ideologischen Durcheinanders“ und „durchschlägt den Gordischen Knoten“, der für einen Neuanfang nötig ist.

Buden, Boris, Der Schacht von Babel – Ist Kultur übersetzbar?, Kulturverlag Kadmos,
Berlin 2004, 224 Seiten, Paperback , EUR 19,90






updated on 01 // 2016