BAUZUSTAND - Angewandte Artenvielfalt
Wohnbau Fickeysstraße 1110 Wien, Architekten: PPAG

„Wenn man Architektur macht, muss man Menschen lieben“ – die Architekten Anna Popelka und Georg Poduschka, kurz PPAG, bauen für die Bewohner ihrer Wohnbauten, provozieren deren Eigenverantwortlichkeit und setzen auf Identifikation. Jeder Bau ist ein Prototyp und ein räumliches Experiment. Auch der Wohnbau in Simmering basiert auf grundsätzlichen methodischen Überlegungen. Die Form des „Europan 6“- Projekts wurde aus Kriterien allgemeiner Qualitätssicherung generiert und damit erst zur Grundlage der Widmung dieses Bauvorhabens. Kein leichtes Unterfangen – oder schnelles Verfahren: Im Herbst 2013 werden die Wohnungen bezogen, fast zwölf Jahre und rund 25.000 Architektenarbeitsstunden später.

Der Berg kam zum Propheten
Mit dem Anspruch, Wohnbau in Zusammenhang mit städtebaulichen Überlegungen neu zu denken, hat sich PPAG im Europan 6 dem Standort Fickeysstraße in Simmering genähert. Die Architekten gingen strukturell und methodisch an ihre selbst gestellte Aufgabe heran. Grundlage war die Infragestellung der üblichen Blockrandbebauung, die „den vielfältigen Qualitätsanforderungen an Immobilien nicht gerecht“ werden kann. Aber welche Alternativen bieten sich an und unter welchen Prämissen?

Erschienen im Architektur&Bauforum, FORUM 6/2013


PPAG gingen von einem maximalen baulichen Volumen aus, das nach allgemeinen Qualitätskriterien, wie Belichtung, Aussicht, Natur- und Straßenraum bearbeitet wurde. Bedacht wurde nicht nur der zukünftige Bau auf den zwei nebeneinanderliegenden Grundstücken, sondern auch der umliegende Bestand. Die „3-D-grafische“ Methode macht somit Designentscheidungen von Daten abhängig und sichert Objektivität. Faktisch entstand ein mittig gelegener, scharfkantiger Gebäudehügel, der an den Kanten abgeschliffen war. Da die Ausschreibung auf Mischnutzung ausgerichtet war – nur 30 Prozent waren für Wohnungen vorgesehen – wurden die restlichen 70 Prozent der Flächen zu Gunsten der Wohnqualität in das Innere des „Berges“ gerückt. Für die Erschließung, zwischen öffentlichen und privateren Zugängen, wurde ein äußerst komplexes räumliches System entwickelt. Die Hänge des Berges sind ausschließlich den Terrassen, Balkonen und Freiflächen den Wohnungen zugeordnet. Unter dem Titel „golden Nugget“ wurde das Projekt 2001 eingereicht, von der Europan-Jury prämiert und zur Realisierung empfohlen.

Schönste Hanglagen

„Das Projekt eröffnet einen Diskussionsraum über den städtischen Block und seine mögliche Transformation. Es macht die Frage der Machbarkeit zur Entwurfsmethode“, ist im Juryprotokoll zu lesen. Diese Machbarkeit wurde danach – jahrelang – Basis der Planungen; de facto der Umplanungen. Das veränderte Verhältnis zwischen Mischnutzung und Wohnungen auf Grund deren möglichen oder unmöglichen Finanzierbarkeit bestimmte die weiteren Studien und Planungen. Nun im realisierten Projekt ist der Wohnteil wieder auf fast 70 Prozent gestiegen. Die Tiefe des Baus reduzierte sich, da sich auch die öffentlichen Flächen im Inneren verringern. Daraus ergibt sich ein sich in drei Richtungen erstreckender Baukörper mit nach oben abfallender Gebäudebreite. Die Wohnungen erfahren mit diesen Veränderungen keinerlei Abstriche. Insgesamt ist der Typus eines tiefen Gebäudevolumens mit Wohnungen an bester Hanglage geblieben und der Bau wird zur Gänze von der Qualität abwechslungsreicher Raumfolgen und variantenreicher Grundrisse bestimmt.
Jedes Geschoß ist anders geschnitten und verlangt ebenso komplexe Erschließungssysteme, die sich im Wesentlichen um innenliegende Atrien situieren. Nicht nur die Wohnungen bieten ein fast unglaubliches Spektrum an Varianten, auch ihre Zugänge und die Anordnung der Gemeinschaftsflächen – von den Küchen bis zu einer Dachterrasse – sind differenziert, bilden die unterschiedlichsten Räume, Nischen und kleinen Plätze. Nie ist man ohne Sichtbeziehungen, Durchblicke oder Bezüge zu anderen Räumen. Die Idee des individualisierten Wohnens wird Konsequenz und bis in Detail durchexerziert. Die Wohnungen besitzen nicht nur alle eine Außenfläche, sie haben auch alle Fenster, die in die Gänge und Atrien ausgerichtet sind. Das Haus lässt sich wie ein dreidimensionaler Straßenraum erfahren und ist auf Begegnung fokusiert. Man spürt die Dichte – und gleichzeitig die Intimität. Das Gebäude ist auf Kommunikation ausgelegt, nicht auf Rückzug. Gewollt wird ein hoher Identifikationsfaktor der Bewohner mit ihrem Haus.

Coole Form dank innovativem Planungsprozess
Manche Projekte durchlaufen nicht nur mehr Phasen als üblich, sondern diese dann auch öfters. Daraus resultierende Änderungen sind jedoch nicht immer mit Kompromissen gleichzusetzen. Eine „demokratische Stadt“ gibt keine Form vor, sondern Entscheidungsprozesse. Die Politik kann weder „Immobilienrealitäten“ verhindern, noch kann sie Kommerz ausschließen – aber sie kann versuchen, zu steuern und ein großes Ganzes anstreben. Dieses wird in Wien leider immer wieder aus den Augen verloren. Viel zu oft reduziert sich eine Debatte auf Einzelprojekte und Stadtquartiere. Architektur aber steht meist nicht nur für sich. Sie kommuniziert nach innen und außen, gibt Raum frei oder schränkt Blicke ein. Wie viel Vielfalt verträgt eine Stadt und wie viel benötigt sie gar?
Und doch gibt es Prototypen funktionierender urbaner Figurationen, die abgesehen von Stil und formalen Kriterien städtischen Raum schaffen. Bei Projekten wie Harry Glücks Wohntürmen in Alt Erlaa – oder auch dem Museumsquartier – hätte sich während der Planung kaum jemand zu weit aus dem Fenster gelehnt, um über die spätere möglichen Aneignungen Prognosen abzugeben. Sozialökonomisch gesehen funktionieren beide Projekte eher wider Erwarten. PPAG beziehen sich mit ihrem Prototypen eines urbanen Terrassenhauses auf Studien von Hermann Czech oder eben auf die Terrassenhäuser von Harry Glück. Der Einsatz ist ein grundsätzlich visionärer und urbaner. Der Wohnbau in der Fickeysstraße zeigt nicht nur durch den kompakten, tiefen Haustypus mit allen Vorteilen nicht nur in Sachen räumliches Angebot oder Energieeffizienz durch geringe Außenflächen neue Wege auf, sondern auch für den städtischen Raum. Das Gebäude rückt von der Straße ab und bildet damit auch nach außen
differenzierte halb-öffentliche Flächen und es geht somit nicht nur um einen autonom funktionierenden Bau. Europan verlangt nach Experimenten im städtischen Wohnbau, nach Ideen und deren Realisierbarkeit. Der Wohnbau von PPAG beweist, dass die grundsätzliche Diskussion – auch über eine vermehrte Mischnutzung – durchaus lohnt; und dass es neben der Finanzierbarkeit wieder vermehrt soziale und urbane Grundsätze zu besetzen gilt. Von wem auch immer.

updated on 01 // 2016