DOSSIER im NIVO 03
Methoden der Verwirrung
Manuela Hötzl im Gespräch mit Hermann Czech

Hermann Czech ist ein schreibender Architekt. Per definitionem: Seine Architekturproduktion ist ein ständiges Nachdenken über Bedeutungen und Selbstverständlichkeiten – ob räumlich oder textlich. Für Czech wird Funktion erst im Entwurf vermittelt und die gute Form als verdächtig abgetan. 1995 fungierte er als Herausgeber und Übersetzer des Klassikers A Pattern Language des Architekten und Systemtheoretikers Christopher Alexander. Aber muss der Wunsch Alexanders von »schöner Architektur« nicht hinterfragt werden? Was passiert in einem Entwurfsprozess und wie erreicht man zeitloses Design? Ist Architektur überhaupt methodisch planbar?

Portrait: Lisa Rastl


Manuela Hötzl (MaHo): Sie haben 1967 die Ausschreibung eines Designwettbewerbs wie folgt kommentiert: »Der Entschluss der Firma Holzäpfel, Möbel für das Jahr 2000 herzustellen, ist zu begrüssen. Ich halte jedoch einen Entwurfsbeginn im Augenblick nicht für notwendig. Ich würde mich ausserordentlich freuen, wenn Herr Christian Holzäpfel oder ein Jurymitglied – vielleicht Herr Max Bill 1 – sich 1997 mit mir in Verbindung setzen würde.«2 Warum haben Sie sich zu diesem Einsendung entschlossen? Als Architekt baut man doch immer für die Zukunft. Warum kann man dann nicht auch einen Stuhl für die Zukunft entwerfen?

Hermann Czech (HeCz): Es ging dabei weniger um das Können als um die Notwendigkeit.

MaHo: Warum war der Entwurf nicht notwendig?

HeCz: Was sollte ein Entwurf für die Situation von 32 Jahren danach anderes sein als ein PR-Unternehmen mit dem damals erfolgreichen Label »Zukunft«? Ich habe ohnehin drei Jahre Entwicklungs- und Vorlaufzeit eingerechnet. Friedrich Kurrent3 hat mir übrigens am 1. Januar 1997 im Namen von Holzäpfel eine Karte geschrieben und mich aufgefordert, ich solle doch jetzt mit dem Stuhl anfangen.

MaHo: Es gibt den Stuhl also?

HeCz: Es gibt schon einen Stuhl aus 1991 von mir. Ich habe ihn erstmals 1993 im Restaurant für das Österreichische Museum für angewandte Kunst (MAK) verwendet. Aber nicht für Holzäpfel.

MaHo: Der Stuhl aus dem MAK ist längst zu einem Klassiker des österreichischen Designs geworden. Wieso sieht der MAK-Sessel so aus, wie er ausschaut?

HeCz: Der Entwurf war für Thonet und geht von einem Werkmodell aus den späten 1920er- oder den 1930er Jahren aus. Die Vorlage wurde von mir verändert, die Rückenlehne ist geneigter und deswegen bequemer; ausserdem habe ich Armlehnen ergänzt. Der Stuhl lebt natürlich auch
davon, dass er an den ursprünglichen klassischen – und in der Herstellung damals billigsten – Sessel erinnert. Heute ist diese Technologie logischerweise nicht mehr billig, weil die Arbeitskraft viel teurer im Verhältnis zum Materialwert ist. Heute sieht ein billiger Sessel wieder anders aus. Aus Kunststoff zum Beispiel.

MaHo: Sie haben sich viel mit Adolf Loos, Josef Frank oder auch Christopher Alexander beschäftigt – Architekten, die grosses Interesse an Regelwerken hatten oder haben und die Idee einer guten Form nicht vom Entwerfer abhängig machen, sondern von anderen Parametern. Loos meinte gar, »der einzelne Mensch ist unfähig, eine Form zu schaffen, also auch der Architekt. Der Architekt versucht das Unmögliche immer wieder – und immer mit negativem Erfolg.« Wer macht die gute Form also? Wie entsteht sie? Entsteht der Stuhl beim Tischler – oder bestimmt der Körper selbst die Form?

HeCz: Der Begriff der »guten Form« ist zunächst einmal verdächtig. Die gute Form ist ein Begriff aus der Gestaltung der 1950er- und 1960er-Jahre. Das hat schon Hans Hollein in der Ausstellung MAN transFORMS 4 1976 thematisiert. Dort hat er zum Beispiel in einem Raum nur Hämmer
verschiedenen speziellen Gebrauchs gezeigt, in einem anderen alltägliche Brotformen aus verschiedenen Kulturen; ein drittes Thema waren Sterne (kein Stern ist nämlich in Wirklichkeit sternförmig). Das Formproblem wurde so aus dem »Formalen« befreit: Die Hämmer wiesen auf funktionelle, die Brote darüber hinaus auf kulturelle Hintergründe hin, die Sterne stellten überhaupt Fantasieprodukte dar. Ich weise gerne auf die klägliche Rolle der »guten Form« beim Licht hin: Da ist der Irrtum besonders »einleuchtend«. Es kommt ja nicht auf die Erscheinung des Beleuchtungskörpers an, sondern auf die entstehenden Lichtverhältnisse.

MaHo: Sie haben auch einen anderen Klassiker »bearbeitet« und das Buch A Pattern Language von Christopher Alexander ins Deutsche übersetzt. Alexanders Wunsch ist es, mit diesem Buch, seinen Analysen und Empfehlungen, schöne Architektur zu ermöglichen. Geht das überhaupt? Gibt es ein Rezept für gute Architektur?

HeCz: Ja, das ist die Frage, ob das geht. Jedenfalls ist das seine Argumentation für das Buch. In den 1980er-Jahren gab es in Harvard ein Streitgespräch zwischen Peter Eisenman und Christopher Alexander. Eisenman brachte das Beispiel der langen, zu dünnen Säulen an der Front eines Rathauses von Rafael Moneo als Ausdruck einer Distanz, einer Zerbrechlichkeit – eben gegen Alexanders Vorstellung von übergreifender Harmonie. Alexander blieb dabei, dass Moneos beabsichtigte Unstimmigkeit die Welt verunstalte. Alexander will in jedem Detail und in jeder Beziehung »schön« sein. Ich persönlich gehe nicht davon aus, eine übergreifende, ungestörte Schönheit zu etablieren, ich sehe das weder als erstrebenswert noch auch nur als möglich. Schönheit ist für mich etwas, das eine geistige Beanspruchung oder auch eine Irritation sein kann. Und diese mag zunächst auch hässlich sein.

MaHo: Und warum haben Sie dann Christopher Alexanders Buch übersetzt?

HeCz: Weil ich seine »Methodik« für sehr wichtig halte. Die Idee, wie man die gewaltige Menge von Entwurfsentscheidungen listen und auf einfachere Relationen herunterbrechen kann – die komplexen Anforderungen und Überlegungen könnte man selbst mit einem Computer nicht erfassen. Schliesslich braucht auch der Computer die Kriterien, die zu einem Ergebnis führen, die Anforderungen und Zusammenhänge stellt der Computer nicht von sich aus her. Ein Computer kann nur auswerten. Laut Alexander muss man verschiedene Anforderungen, die etwas miteinander zu tun haben, zusammenfassen. Und wenn man das richtig macht, kann man ein Thema lösen, ohne in das übrige System einzugreifen. Das heisst, ich kann die einzelnen Themen für sich optimieren und zusammensetzen. Das ist die grundlegende Idee von Christopher Alexander im Buch A Pattern Language.

MaHo: Das klingt nach einer Anleitung für ein Management – oder besser: nach einer Analyse, welche Kriterien zu einer Entscheidungsfindung überhaupt nötig sind. Also was ein Mensch oder Computer braucht, um zu Ergebnissen zu kommen.

HeCz: Bei Computerprogrammierern ist das Buch auch viel bekannter als unter Architekten. Andererseits schreibt Alexander im Vorwort der Paperback-Ausgabe seines ersten Buchs Notes on the Synthesis of Form, dass er die Entwicklung von »design methods« als eigene Disziplin, die seit
der ersten Auflage 1964 entstanden ist, sehr bedauert. Er beschreibt die Unmöglichkeit, Methoden des Designs losgelöst von einer Entwurfspraxis zu behandeln, und bezweifelt, dass Designtheoretiker in der Lage wären, über Gestaltung fundiert zu sprechen.5

MaHo: Worüber sollten Praktiker – wie auch Designer und Architekten – dann diskutieren?

HeCz: Wenn sie vernünftig sind, diskutieren sie »design practice« und nicht losgelöste »design methods«. Denn es gibt in dem Sinn keine Methode – oder kein Rezept –, ausser über möglichst vieles nachzudenken.

MaHo: Und Sie würden sagen, dass man im Moment mehr über Methoden des Designs spricht.

HeCz: Nein, das war in den 1970er-Jahren so. Schon in den 1980er-Jahren hat sich das wieder verändert.

MaHo: Dann bleiben wir bei der Praxis und gehen weg vom Ergebnis, dem Entwurf, hin zum Prozess des Entwerfens. Wie würden Sie die Entscheidungsfindungen in diesem Prozess beschreiben?

HeCz: Wenn man das ernst nimmt, dann ist auf jeden Fall Form das Produkt eines Entwurfsprozesses und nicht die Voraussetzung. Also das Produkt kann vorher nicht bekannt sein. Andererseits wieder, wenn jemand in seiner Entwurfstätigkeit erfahren ist, dann passiert das auch gleichzeitig – also Form kann auch unmittelbar gezeichnet werden. Schon in den 1930er-Jahren hat Josef Frank argumentiert, dass, wenn man eine Linie zeichnet – eine beliebige Grundrisslinie, also eine freie Form –, diese interessanter ist als ein rechteckiger Kasten. Nur, wenn Frank oder ein anderer Architekt nach jahrzehntelanger Architekturerfahrung eine Raumbegrenzung, eine Wand zeichnet, dann weiss er gleichzeitig, wie die Wand räumlich wirkt. Das ist nicht dasselbe, wie wenn ein Kind oder jemand Unerfahrener einen Raum zeichnet. Er denkt das Ergebnis mit. Ähnlichkeiten der Form können aber auch täuschen, da ganz unterschiedliche Haltungen dahinterstehen können. Nehmen Sie zum Beispiel Häuser von Josef Frank und Hugo Häring: Da haben die sogenannten »organischen« oder ungeometrischen Formen verschiedene Hintergründe.

MaHo: Wie würden Sie für sich den Entwurfsprozess beschreiben, und wie hilft Christopher Alexander dabei?

HeCz: Den kann man, glaube ich, nicht allgemein beschreiben; er besteht aus sehr vielen Überlegungen in verschiedenen Massstäben und Ebenen. Im städtischen Massstab, im Quartiermassstab oder im Strassenmassstab; oder im Haus, im Zimmer, im Möbel und im Detail. Alles ist gleichwertig. Es gibt keine Hierarchie oder bestimmte Reihenfolge, weil alles gleich wichtig ist. Und es ist auch keine systematische Vorgangsweise nötig. Man kann nicht sagen: Zuerst muss man das machen und dann das überlegen, und erst wenn man damit fertig ist, kann man sich mit dem beschäftigen und so weiter. Sondern man kann und soll durchaus mit der Aufmerksamkeit von einem zum anderen springen und die Fragen nach Entscheidungen verlagern.

MaHo: Sie haben auch in Zürich an der ETH unterrichtet: Wenn alles gleich wichtig ist, was muss man sich als zukünftiger Architekt aneignen? Was sollte man lernen?

HeCz: Lernen muss man eigentlich, nichts auszuschliessen und nichts unter den Teppich zu kehren. Es gibt kein simples System, das man übernehmen oder anwenden kann. Ein einfaches Beispiel: Man könnte sagen, machen wir Türen- und Fensteroberkanten gleich hoch, dann hätten wir eine formale Ordnung. Bei kritischer Betrachtung stellt sich aber heraus: Eine Tür ist etwas anderes als ein Fenster. Beim Fenster sollte Licht hereinkommen; vielleicht sollte es deshalb weiter oben anfangen. Und umgekehrt: Wenn die Tür dann gleich hoch ist, ist sie vielleicht unnötig hoch. Wenn man es sich zu einfach macht, kehrt man diese Problematik unter den Teppich. Und das ist dann eine zu schwache Gedankenfolge.

MaHo: Das heisst, es muss alles begründbar sein?

HeCz: Ich würde es jetzt nicht als Rechtfertigungsproblem sehen – das ist es vielleicht auch –, aber es ist vor allem ein »Den-Dingen-Nachgehen«. Es gibt ja das Wort »Sachlichkeit«. Das primitive Verständnis davon ist die Idee, alles einheitlich zu gestalten. Eine Einheit ist aber meist gar nicht sinnvoll. Die Architektur hat mit sehr vielen Sachen zu tun, und die sind nicht gleich. Darum ist das wirkliche Ergebnis von Sachlichkeit nicht Einheitlichkeit, sondern ganz im Gegenteil: Heterogenität.

MaHo: Christopher Alexander versucht das Gegenteil. Er versucht, Möglichkeit zu definieren. Rezepte zu liefern. Er beschreibt nicht nur Szenarien in der Stadt, sondern ebenso, wie und wo Feuerstellen sein sollen. Ein Kapitel heisst gar: »Tanzen auf der Strasse«.

HeCz: Das würde ich nicht als Rezept sehen – das wäre ein Missverständnis. Man kann zwar Christopher Alexanders Ausführungen wie ein Regelwerk verwenden, aber das ist nicht die Idee, die dem Buch zugrunde liegt. Er nennt es eine Muster-Sprache. Seine Ausführungen sind definitiv
eine Möglichkeit für die Planung, aber die Betonung liegt auf eine von vielen möglichen. Man könnte auch andere Beziehungen zwischen Elementen aufstellen.

MaHo: Wie würden Sie den Unterschied zur Bauentwurfslehre von Ernst Neufert definieren, die bereits in der 40. Auflage erschienen ist?

HeCz: Der »Neufert« – oder andere Entwurfshandbücher – sammeln im Grunde Tatsachen. Dabei geht es um abgemessene Objekte, Masse, Bewegungsvorgänge, konstruktive oder bauphysikalische Anforderungen. Also gezielt auf Ursache und Wirkung ausgelegt: Wasserdampf taut in der Wand dort, wo er sich abkühlt. Dort entstehen Schäden. Daraus ergeben sich Anforderungen, die man quantifizieren kann. Oft ist es auch eine Frage von Massen. Das sind Tatsachenmitteilungen, die kann man zwar auch missachten, aber man muss wissen, was man sich damit einhandelt, und das Risiko abschätzen. Man kann auch einen Durchgang, zum Beispiel, bewusst enger machen. (Aber es gibt nicht nur »Entwurfsregeln«, sondern auch Bauvorschriften; um diese zu erfüllen, muss ich dann anderswo einen Durchgang einplanen, der breit genug ist.) Bei Alexander sind es eben nicht Tatsachenmitteilungen. Er analysiert schöpferisch, wie sich Elemente jeweils zueinander verhalten. Diese Verhältnisse von Elementen bezeichnet er als Muster – oder früher als Diagramme. Die methodische Struktur dieses Arguments ist, dass die Elemente, zwischen denen diese Beziehungen herrschen, die das Muster bilden, selbst wieder Muster sind, nämlich wieder Beziehungen von kleinermassstäblichen Elementen – und umgekehrt. Die Massstäbe der Muster greifen ineinander. Und das verbindet er mit der Vorstellung einer Kosmologie, er stellt sich eine überwölbende Harmonie vor, sodass der Entwerfende das Naturgesetz vollzieht. Er möchte gern aus den Ergebnissen, die eine solche Arbeit an Mustern hat, »Tatsachen« machen. Das ist aber ein anderes methodisches Problem.

MaHo: Kein ideologisches Problem?

HeCz: Bei Alexander wird der Entwurf Teil des Kosmos. Wenn der oder die Entwerfende einerseits der Eitelkeit entsagen muss, aber andererseits die Autorität des Naturgesetzes beanspruchen kann, dann entsteht das Bild einer Welt, die das noch nicht Gedachte, das Unerwartete, Absurde, Peinliche ausschliesst. Des Menschen zweite Natur ist aber, zu reflektieren und sich unnatürlich zu verhalten.

MaHo: Verstehen Sie das als Manierismus, der immer wieder in Ihren Texten vorkommt?

HeCz: Ja, durchaus. Der Unterschied ist, einfach gesagt, dass Alexander aus diesen Entwurfsergebnissen Fakten machen will. Er möchte zwingend sein, nicht bloss schlüssig.

MaHo: Im Ihrem Text »Einige Entwurfsgedanken« erklären Sie die Wichtigkeit des Manierismus im Prozess des Entwerfens. Er wird zum begrifflichen Ansatz, um die Wirklichkeit zu akzeptieren. Ironie ist ein wesentlicher Aspekt. Wie darf man das verstehen?

HeCz: Entwurf ist immer ein Prozess. Manierismus bezieht sich darauf, dass man Dinge einbezieht, die man nicht selbst einbringt, sondern die andere einbringen, Nutzer oder Auftraggeber, wer immer. Vor allem Nutzer haben natürlich das meiste moralische Recht, irgendwas zu verlangen. Das kann aber auch völlig absurd sein und einem selbst nicht gefallen, oder nicht in das eigene Gedankensystem passen oder falsch sein. Mit Manierismus ist gemeint, dass man sich auch mit solchen scheinbaren oder wirklichen Regelverletzungen durch andere auseinandersetzt. Und dass man auch bereit ist, absurde Dinge zu akzeptieren. Das heisst aber nicht, dass das ein leidensfreier Vorgang ist. Das ist ein Aspekt: Irreguläres oder Absurdes zu akzeptieren. Ein weiterer Charakterzug des Manierismus ist, dass er eine bewusste Haltung ist. Also keine irrationale, unreflektierte Haltung. Man weiss, was man macht, und weiss, warum das jetzt scheinbar eine Regelverletzung ist. Ein anderer Begriff, der da vielfach ins Spiel gekommen ist, ist die Verhandlung, die Verhandlung mit dem Nutzer. Aber das ist eben kein irrationaler Prozess.

MaHo: Was haben Sie Ihren Studenten zu vermitteln versucht?

HeCz: Die Publikation über die Arbeiten der Studenten ist leider nicht abgeschlossen. Sie hat den Titel Confusions. Eine meiner Fragen an die Studenten in der routinemässigen Evaluierung meines Unterrichts war: »Sind Sie ausreichend verwirrt worden?« Anfangs sucht sich der Student oder die Studentin Vorbilder. Dabei ist es völlig egal, woher die kommen: Der entscheidende Moment ist, wenn man an einen Punkt kommt, wo das Vorbild nicht ausreicht. Dann muss man weiterdenken.

MaHo: Das Gegenteil des Meisterklassensystems.

HeCz: Nein, das ist nicht wahr. Ein guter Meister hat natürlich genau das vermittelt. Der Meister ist jemand, der auch nicht alles weiss und das auch vorlebt.

MaHo: Also möglichst viel Verwirrung? Und ist es gelungen?

HeCz: Dahinter steht ja auch eine gewisse Haltung. Dass man nicht korrupt ist und das wirklich um der Sache willen macht und nicht irgendwelche prätentiösen oder lügenhaften Dinge in den Entwurf hineinbringt. Ich habe erst kürzlich einen Artikel über die Frage geschrieben, ob man Architektur von der Konsumtion her denken kann oder ob man sie von der Entwurfsproduktion her denken muss. Ob man sie also von der Wirkung her denken und den Konsumenten als Mittel ansetzen kann.

MaHo: Es gibt auch Ähnlichkeit bei der Definition von Design, denn Alexander und Sie sprechen vom zeitlosen Design. Je mehr Architektur selbstverständlich oder zeitlos wird, desto besser. Aber wie kommt man zu einem zeitlosen Design?

HeCz: Alexander spricht von der zeitlosen Qualität des Bauens. Das beschreibt wohl etwas, was bewegt, woran man sich erinnert, weil es seine Substanz behält. Josef Frank hat es anders formuliert. Er fordert, unsere Umgebung so zu gestalten, als sei sie durch Zufall entstanden. Alles, was man schön findet, und alles, wo man sich wohl fühlt, ist, wie er sagt, zufällig entstanden. Das stimmt aber nicht. Es ist ja nicht zufällig entstanden, sondern es ist aus Motivationen von ganz vielen verschiedenen Leuten entstanden. Diese Motivationen kann man zum Teil nachvollziehen, aber zum grossen Teil auch nicht. Diese Begründung, die verborgen bleiben kann, macht jene Substanz aus. Karl Kraus sagt, Künstler sei der, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann.

Hermann Czech ist Architekt in Wien und Autor zahlreicher theoretischer Publikationen zur Architektur. Dabei spielen die Begriffe »Umbau« und »Manierismus« eine zentrale Rolle.
1988 / 89 und 1993 / 94 war er Gastprofessor an der Harvard University, 2004 – 07 an der ETH Zürich, 2011 – 12 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Sein ungleichartiges architektonisches Werk umfasst Stadtplanung, Wohn-, Schul- und Hotelbauten ebenso wie Gastlokale und Ausstellungsgestaltungen.


1 Max Bill (1908 – 1994), 1927 – 1929 am Bauhaus, 1951 – 1956 Rektor der Hochschule für Gestaltung in Ulm.
2 Aus: Hermann Czech, Zur Abwechslung. Ausgewählte Schriften zur Architektur. Wien, erweiterte Neuausgabe, Löcker Verlag, Wien, 1996, S. 62.
3 Friedrich Kurrent, Architekt in Wien, Mitbegründer der bis ca. 1975 bestehenden »arbeitsgruppe 4«.
4 Eröffnungsausstellung des Cooper-Hewitt Museum, New York, 1976.
5 Originalzitat: »Indeed, since the book was published, a whole academic field has grown up around the idea of ›design methods‹—and I have been hailed as one of the leading exponents of these so-called design methods. I am very sorry that this has happened, and want to state, publicly, that I reject the whole idea of design methods as a subject of study, since I think it is absurd to separate the study of designing from the practice of design. In fact, people who study design methods
without also practicing design are almost always frustrated designers who have no sap in them, who have lost, or never had, the urge to shape things. Such a person will never be able to say anything sensible about ›how‹ to shape things either.«

updated on 01 // 2016