Leise und Laute, ein Aufruf zur Selbstbestimmung
aus: EINFACH! ARCHITEKTUR
AUS ÖSTERREICH





LEISE UND LAUTE
EIN AUFRUF ZUR SELBSTBESTIMMUNG


Welche Bedeutung haben „regionale“ architektonische Tendenzen in einem globalen Zeitalter überhaupt noch? Globalisierung ist ein räumliches Phänomen, das lokale, regionale, nationale und globale Räume immer enger miteinander verbindet und neu miteinander verknüpft. Man kann sich nicht mehr „nur“ an seinem Nachbarn messen. Nebeneinander, Bild an Bild in der Öffentlichkeit – oder in Architekturmagazinen – scheint der Ort nicht mehr wesentlich, nur noch das Ergebnis. Lässt es sich adäquat miteinander vergleichen? Welcher
Standard ist international und welcher zählt regional noch? Diese Diskussion scheint immer wieder präsent – und ist eigentlich längst unerheblich. Ein Standard ist erreicht, wird angestrebt – und ist fast überall zu finden. Und doch entstehen in jeder Sparte, gerade wegen der Globalisierung, wieder starke Regionen, wobei deren Ländergrenzen immer weniger Relevanz aufweisen. Das betrifft ökonomisch starke Regionen ebenso wie kulturelle. Man sucht neue Identitäten gerade regional und nicht mehr global. Damit schließt sich wieder der Kreis: Um international relevant zu sein, muss sich die „Besonderheit“ einer Regionalität auch weltweit messen können. Länderspezifisches Marketing ist dahingehend immer mehr auf politischer Ebene interessant. Eine globalisierte Kulturwelt funktioniert in dieser Weise recht gut. Und jedes Land findet mittlerweile kulturkompatible Vertreter für diverse Biennalen und Länderausstellungen. „In Österreich haben wir ja so viele gute Architekten und Projekte …“ Gerne wird in diesem Land die Menge und hohe Qualität präsentiert – und zu selten im Einzelnen diskutiert. Ist das ein österreichisches Phänomen? Zumindest scheint es, dass hierzulande ein Vice versa – also nicht nur internationale Entwicklungen und Ereignisse wirken auf lokale, sondern auch umgekehrt – wenig vorhanden ist: Dafür muss man den Blick auf das Nahe etwas schärfen. Und das wiederum erfordert einen Blick von außerhalb. Leichter ist es, den „anderen“ machen zu lassen, den „anderen“ entdecken zu lassen – und wenn etwas entdeckt ist, es dann anzuerkennen. Ein alt- bekanntes und sicher nicht auf Österreich beschränktes Phänomen ist: Wenn man außerhalb eines Landes Erfolg verzeichnet, bekommt man auch im eigenen plötzlich Aufmerksamkeit. Eine Garantie bietet dieses Konzept dennoch nicht. Interessant an Österreich ist, wie wenig man manchmal mit dem eigenen anzufangen weiß – oder wie es diskutiert wird. Wir haben und hatten regionale Phänomene – aber im Falle von Vorarlberg wird die Diskussion auf eine „Bauherrenfrage“ beschränkt, die die Erklärung einer qualitativen Architektur in Hülle und Fülle liefern soll. Auch wenn dies so sein sollte, damit steckt man sich nun wirklich selbst regionale Grenzen. Will man Architekten oder Bauherren exportieren? Sollen die Bauherrenmentalitäten, sosehr sie zu schätzen sind, missionsartig in die Welt getragen werden – oder die Architektur? Es mag ein Konzept sein, aber dann ist es definitiv ein regionales Phänomen, das auch eines bleiben will. Zweifel müssten angebracht sein. Betrachten wir ein vergangenes regionales Phänomen: die „Grazer Schule“. Diese Bezeichnung ist fast aus einem Notfall heraus entstanden: Man versuchte damit die enorme regionale Bautätigkeit in der Steiermark zu Zeiten der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre unter einem Titel zusammenzufassen. Der Name war und ist ein Konstrukt. Marketingtechnisch hat er eine Zeit lang sehr gut funktioniert. Politische Voraussetzungen ermöglichten eine umfangreiche Auftragslage für jene Architektengeneration, die bei den Jungen einen Gründungsboom auslöste – und damit lange Jahre den Markt bestimmte. Die Lebendigkeit der Grazer Szene setzte sich auch an der Universität, dem gerade eröffneten Haus der Architektur (1988) und im Forum Stadtpark fort. Der Begriff der „Grazer Schule“ ging durch alle Architekturmagazine, genauso wie die Projekte – man richtete den Blick auf die Region Steiermark. Diese auf einem politischen Nährboden entstandene Blütezeit verfestigte sich auf breiter Ebene als Marketingkonstrukt – das eine Menge an Architekturbüros übrig gelassen hat, die sich nun ihren Markt selbst suchen müssen. Der politische Markt ist weitgehend aufgehoben. Nicht alle haben das geschafft – und manche zu Unrecht. Denn in all dem Suchen des „Kritischen Regionalismus“ nach Zusammenhängen wurden nur Adjektive wie „heftig“, „wild“, „expressiv“, „explosiv“, „zertrümmernd“, „undogmatisch“ und „unakademisch“ gefunden. Das hat sich so verfestigt – regional – dass man nun internationale Architekten, wie Peter Cook oder Zaha Hadid, zu Wettbewerben einlädt. Als würden diese Architekten eine Art Tradition fortführen können, die es nie gegeben hat. Doch selbst von den Grazer Architekten hört man: „Besser, ‚so eine‘ Architektur wird gut angenommen“ – als müsste man „Mut“ statt „Feingefühl“ zeigen. Das Kunsthaus passt bestens in dieses Konstrukt, mit Mut hat es eigentlich längst nichts mehr zu tun. Man glaubt sich vielleicht global zu positionieren, indem man Namen einkauft, anstatt neue aufzubauen oder einfach zu benutzen. Denn dazu wären „Regionen“ noch fähig, wenn sie sich mit ihrer eigenen Szene stärken würden. Dazu gehören allerdings auf „beiden“ Seiten ein starkes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, sich in einen internationalen Kontext zu stellen – und nicht in einen regionalen. Das ist das große Missverständnis. Die folgenden ausgewählten Architekturbüros, und es sind nicht die Einzigen, haben dieses Potenzial und stehen exemplarisch für Positionen, die weder regional noch international einen adäquaten Nährboden finden oder gefunden haben. Peter Zinganel und Adolph Kelz, die ihre frühen großen Werke noch als Studenten oder junge Architekten für andere Büros realisierten. Aus irgendeinem Grund, den man nicht mehr nachvollziehen kann, blieben sie eine Art „Geheimtipp“. Sie waren vielleicht zu wenig expressiv, zu intellektuell, zu wenig expressiv – jedenfalls fielen sie sicher nicht unter den Archetyp der „Grazer Schule“. Danach kommt INNOCAD, das Architekturbüro der blutjungen, frischen Markteroberer, die Strategien ebenso wie ihre Firmen aus dem Ärmel schütteln, sich nicht mehr in den „schweren, künstlerischen“ Gedanken verstricken und „einfach machen“. INNOCAD ist längst kein Geheimtipp mehr – diese Architektengemeinschaft zeigt eine unkomplizierte Professionalität, die auch keine Angst vor Fehlern scheut – und sich mit jedem Projekt weiterentwickelt. Alle drei, Zinganel, Kelz und INNOCAD, verkörpern Positionen, die auch Lebenskonzepte darstellen und Gedankenkonstruktionen vermitteln. Existieren können sie nur miteinander. Für dieses Buch gehe ich damit selbst „zurück“ in meine heimatliche Region, die Steiermark, und mache die leisen und lauten Architekturtöne vernehmbar, für ein (hoffentlich) internationales Auditorium.

updated on 01 // 2016