Die Zukunft im Rückspiegel
Die Zukunft im Rückspiegel (The future as a reflection) oder Utopie mit Ablaufdatum 
Ausstellung
„Latente Utopien“, Landesmuseum Joanneum, 24.10.2002 bis 02.03.2003, Steirischer Herbst 2002, Graz


Utopie hat immer etwas mit gesellschaftspolitischer Veränderung zu tun, eine Art „wild dream“, der historisch nicht immer zu positiven Ergebnissen führte. Architektur spielte dabei selten mehr als eine repräsentative Rolle, zumindest im Moment der Realisierung. Ihr Abbild ist der Ausdruck einer sozialen und symbolischen Form. Architektur kann reagieren und nicht initiieren. Nie hat Architektur selbst eine Utopie begründet. Sie steht immanent zwischen Politik und Kultur. Seit die Architektur in den 60ziger Jahren in den Kunstbetrieb und mit den Haus-Rucker-Co-Gruppe erstmals auf die documenta wechselte, hat sie damit ein Identitätsproblem – und ihre Produzenten mit ihr. Sie springen zwischen den Disziplinen hin und her – experimentieren und suchen nach Wirklichkeiten.


Die Magie der Kunst und des Künstlertums hat sie eingefangen und bildete lange Zeit den Mythos, der mit Auftragslosigkeit einher ging. Im Kontext der Kunst hatte Architektur plötzlich ein Problem mehr und flüchtete auf akademische Ebenen. Doch auch diese Zeit ist vorbei und der Kampf gewonnen. Radikalität und Realität haben zueinander gefunden. Computer, Software und andere Technologien machten plötzlich alles möglich. Doch zwanghaft blieb diese Computerarchitektur in der Formalität stecken. Die Hilfswerkzeuge wurden zu Krücken, Leichtigkeit zu einer bleiernen Schwere. Wenn jetzt ihre Protagonisten unter dem Titel „Latente Utopien“ eine Ausstellung machen, die von Zaha Hadid und Patrik Schuhmacher kuratiert wird, könnte die Hoffnung bestehen, dass hinter der Produktion doch noch etwas verborgen ist, das fern vom Markt existiert und ein wenig Aussicht bietet. Dieser Traum, das sei vorweggenommen, bleibt unerfüllt. Weder versteckte (latente) noch offensichtliche Ansätze von „wild dreams“ zeigt diese Ausstellung. Eine gebaute Utopie existiert per definition nicht und die experimentelle Entwürfe stellen sich außer einem formalen Anspruch als ziellos heraus. Gut gelaunte Entwürfe zielen auf reine Effekthascherei eines ergrauten Pop-Zeitalters.
Doch bevor die Utopien sich endgültig einer Desillusion hingeben, ein kurzer Seitenblick auf die Geschichte des Festivals und die Stadt Graz. Seit ungefähr 30 Jahren widmet sich das Kunst- und Kulturfestival der Avantgarde in den Bereichen Theater, Literatur, Musik und Kunst. Architektur wurde, programmatisch für solche Kunstevents, immer eher als Stiefkind betrachtetet und erfuhr 1995 mit der Präsentation des Wettbewerb „Das letzte Haus“, auch seinen letzten größeren Auftritt. Von einer regionalen Leistungsschau, wie in den Anfängen von Intendant Hanns Koren gefordert, ist in den Programmen der vergangenen Jahre immer weniger zu spüren. Zu recht darf man diesen Aspekt als Qualitätskriterium nicht gelten lassen, steht doch das Festival 2002 unter einem anderen Licht – schon bei der Eröffnung kam Silvesterstimmung angesichts des Kulturjahres 2003 auf, in dem Graz die Kulturhauptsstadt sein wird. Und da setzt Graz auf Architektur und Internationalität: Peter Cook und Colin Fournier realisieren ein Kunsthaus, der Künstler Vito Acconci eine ganze Insel auf dem allerdings etwas halben Fluss der Stadt. Beides Bauten von Architekten, die nicht mehr ganz jung, in der steirischen Hautstadt erstmals etwas realisieren. Dies erscheint, weniger regional, im österreichischen Zusammenhang hingegen durchaus von Bedeutung. Auch Thom Mayne konnte im Süden des Landes sein größtes Projekt errichten, Zaha Hadid baute westlicher eine Sprungschanze und hat auf der Universität für Angewandte Kunst in Wien gerade Greg Lynn als Kollegen erhalten. Die Akademie hat dagegen gerade Farshid Moussavi als Professorin eingestellt. Auch Wolf D. Prix unterrichtet seit Jahren in Wien und auch er hat einiges in diesem Land verwirklicht. Seine Eröffnungsrede des diesjährigen Steirische Herbst unter dem statischen Titel „Fremdkörper“ hat jedoch den weniger optimistischen Titel: „Von Quotenidioten im Land der pragmatisierten Innovationsverhinderung.“ Seine Ansprache, ein wichtiges Ereignis für die Architektur in Österreich, könnte man meinen, lässt wenig gutes an dem Land. Die Architektur, ist für ihn, „zunächst ein fremder Körper.“ Und weiter: „Will man diesen fremden Körper ent-fremden, also gewohnt und gesehen machen, muss man die ästhetischen Kriterien immer wieder neu definieren. Hier gilt das gleiche in der Architektur wie in der Kunst. Und für uns war Architektur; wir haben es immer schon behauptet, und ich wiederhole es heute gerne; für uns war Architektur immer Kunst.“ Der kritische Punkt an dieser Stelle, die Schnittmenge von Architektur und Kunst, Architekten und Künstler werden bei diesem Festival so deutlich wie selten in den vergangenen Jahren. Als Fremdkörper taucht Architektur zwischen Theater, Kunst und Literatur auf und meist wieder unter. Ästhetische Kriterien dürfen dem Anspruch nicht genügen.
Auch Zaha Hadid will mit der Ausstellung „Latente Utopien“ die „Architektur an künstlerische Prozesse“ angliedern. Als radikal, experimentell, erfahrungsbildend und prototypisch bezeichnen die beiden Kuratoren die Auswahl der gezeigten Projekte. Dieser Anspruch ist mehr als utopisch und bestenfalls latent. Eine Bestandaufnahme der Avantgarde stellt sie dennoch dar, wenn auch als Desillusion. Generationenübergreifend und international lässt Zaha Hadid mit der Ausstellung den Dekonstruktivismus und damit das „Prinzip der Negativität“ hinter sich. 15 Jahre nach der Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ im Museum of Modern Art in New York, scheint die Welt wieder in Ordnung oder anders: die Zerstörung der Form wird abgelöst durch die bloße Form. Zaha Hadid fordert wieder eine „kreative Aneignung“ durch das Publikum und dementsprechend präsentieren sich die 26 Architekten und Designer erstaunlich farbenfroh, formal und objektbezogen. Rauminstallationen, wie die des Österreichers Andreas Thaler, der in seinem Großmöbel „Liquid Lounge“ die Bewegung der Wasseroberfläche nach dem Einschlag eines Wassertropfens einfriert und die entstandene panton-ähnliche Figur bunt bemalt. Weniger statisch, die Box mit leuchtenden Magnetspulen von Reiser & Umemoto, lauter Nadeln, die sich interaktiv beim Eintritt der Besucher bewegen. Noch objekthafter die Beiträge von Ross Lovegrove (Frozen Elasticity ...) und servo (Thermo-cline), die eine rein formale Vision propagieren - möglich gemacht mittels Computertechnologie. Lovegrove glaubt an die Sehnsucht des Menschen nach organischen, fließenden Formen: „Formen, die entweder flüssig-organisch oder kristallin beschaffen sind.“ Servo zeigt einen Prototyp aus vakuumgeformten Wellacrylschalen, die auf ergonomische Bedingungen des Raumes und der Nutzer reagieren. Sound, Bewegungssensor und Beleuchtung generieren die Stimmung auf mehreren Ebenen. „Event enviroments“ nennen servo ihre Installation. Eine Definition, die auf die gesamte Ausstellung zutrifft. Licht, Farbe und Bewegung stellen den größten gemeinsamen Nenner der Objekte dar. Die Mischung aus Möbeln, möbelähnlichen Objekten und lichtstarken Modellen, schafft im gesamten ein Ambiente, das eher einem Verkaufsraum für Beleuchtungskörper gleicht. Nicht selten ist man versucht, nach dem Preisschild zu greifen. Zaha Hadid selbst setzt auf Wohnlichkeit. Ihre ebenfalls fließende, prototypische Rauminstallation schmiegt sich gegen die Wand und zeigt eine lineare Wohnlandschaft mit Bildschirm, Bett und diversen Nischen. Wirklich enttäuschend und banal hingegen die Bubble-Blob-Tapete von Asymptote und die kleinteilige Designpalette von Greg Lynn. Er präsentiert ein Kaffee- und Teeset für Alessi, ein Schachspiel mit Lynn-Figuren und deformierte Deckenplatten. Bei diesen formalen Spielereien kann man utopische Ansätze nur noch in dem Versuch nach serieller Massenproduktion suchen. Doch auch die bleiben besser latent. Letzten Endes wird die Wanderung durch die Ausstellung ein Parcours durch die Vergangenheit mit sich ständig aufdrängenden Vergleichen – futuristische Bewegungsmechanismen, expressionistische Formenvielfalt, Filmkulissen, technoide Roboter, die sich wie in Terminator II durch Gitterstäbe gequetscht haben bis zu Wohlfühldesign aus den 70ziger Jahren schaffen eine vielfältige Retrospektive – aber nicht mehr. Der Wille nach Wachstum und Bewegung, für das Fließende und Weiche, für das Lebendige, ist überall spürbar und erzeugt so etwas wie Nostalgie. Man hat zwar alles schon gesehen, doch niemals in dieser „aufwendigen Dichte“ und so publikumswirksam. Die Architekten präsentieren sich als Künstler – und sind doch Produzenten im Markt. Ihre formale Radikalität hat sich vielerorts bereits manifestiert. Viele haben längst gebaut und werden es weiterhin tun. Als der Architekt Günther Domenig kürzlich ein Projekt präsentierte, sagte er:“ Bei meinen letzten Gebäude hatte ich keinen Widerstand mehr.“ Man musste ihn fast bedauern.
Latent bedeutet: versteckt, verborgen (der Möglichkeit nach) vorhanden, aber nicht hervortretend, unsichtbar, unentwickelt. Doch latente Utopien sind hier mit größter Anstrengung unauffindbar. Offensichtlicher noch, wenn man genauer hinschaut, die Präsentation des WTC Entwurfes (nach Toyo Ito) von Foreign Office Architects „United we stand (The bundle tower)“. Hier offenbart sich ein globaler „Wir-sind-eine-Menschheit“ Gedanke, ohne Reflexion, Moral oder Kritik am kapitalistischen System, rechnet dieser Entwurf mit Visionen einer „besseren“ Welt ab. FOA: “ ... der Bundle Tower wurde nicht als Denkmal entworfen, sondern als Ziel, dem kapitalistischen Raum, der in ständiger Expansion und Veränderung begriffen ist, eine vorläufige Gestalt zu geben: Der Bundle Tower steht nicht für die Bewahrung eines bestimmten Augenblicks oder Bildes. Er ermöglicht eine neue Ebene der urbanen Intensivierung und erschließt neue Bereiche der vertikalen Expansion.“ Dies ist nicht nur eine fragwürdige Vision, sondern eine Art kapitalistisches Manifest, mit radikalen Ansätzen und deren symbolhaften Abbildung. In Verbindung mit Utopie beginnen die Zähne zu knirschen.

Architektur, sobald sie realisierbar ist und wird, ist immer abhängig von Markt und Politik. Doch wäre hier ein kritischerer Ansatz gefragt. Man müsste doch annehmen, dass jenseits der Produktion noch Utopien stecken, die im Markt und der Kompromisslosigkeit der Bauherrn verloren ging. Doch das ist längst nicht mehr der Fall. Die Radikalität wird mehr oder weniger durchgesetzt. Die Projekte unter „next“ bei der heurigen Biennale in Venedig zeigen dies deutlich.
„Hurra, uns fällt nichts mehr ein“, meinte Ernst Bloch zu Beginn der neuen Sachlichkeit, die den Expressionismus hinter sich ließ. Die Ausstellung „Latente Utopien“ lässt nichts hinter sich und zeigt nichts neues. Sie ist der „Stand der Dinge“ und gleichzeitig Stillstand. Sie beendet eine theoretische Auseinandersetzung mit der formalen Computerarchitektur. Es wird gebaut und weiterhin gebaut werden. Nachwehen und Nachahmer dieser Protagonisten wird es ohne Zweifel geben. Aber eigentlich ist diese Architektur längst auf die kleine Gruppe einer Sofware-Familiy und auf einen kleinen Markt beschränkt. Für eine fachliche Diskussion ist diese Art der Architektur bereits vernachlässigbar. Als Panoramabild hat die Ausstellung „Latente Utopien“ ihre Bedeutung fürs Archiv. In seiner Eröffnungsrede proklamierte Wolf Prix: “... Es ist vielmehr die gedachte Architektur – also die Methoden des Architekturdenkens, die sich verändern werden. So sind die kommenden digitalen Entwürfe dazu bestimmt, gestaltlos sehr schnell vergessen zu werden.“



Publication:

„Consequently, the Bundle Tower was born without any memorial ambition, but with the aim of giving a provisional architectural performance and expression to the ever-changing, ever-expanding capitalist space: the Bundle Tower is not about the perpetuation of a moment or an image: it makes possible a new level of urban intensification, it opens up a new domains for vertical expansion.”

Latente Utopien; Experiments within Contemporary Architecture; Zaha Hadid/Patrik Schuhmacher; steirischer herbst 2002; Coproduction with Graz 2003 – Cultural Capital of Europe; Springer Wien/New York; Foreign Office Architects S.140


Beteiligte Architekten und Designer:
AA Design Research Lab (GB)
angélil graham pfenninger scholl architecture (CH)
Asymptote (USA)
branson coates architecture limited (BG)
COOP Himmelb(l)au (A)
dECOi architects (F)
Foreign Office Architects (GB)
Greg Lynn FORM (USA)
Kolatan / Mac Donald Studio (USA)
Ross Lovegrove (GB)
MVRDV (NL)
NOX/Lars Spuybroek (NL)
ocean D, Boston, New York, London
OCEAN NORTH (FIN)
Pichler & Traupmann Architekten (A)
propeller z (A)
Karim Rashid (USA)
Reiser & Umemoto (USA)
Sadar Vuga Arhitekti the Designers Republic (SL/GB)
servo (S/USA)
Softroom (GB)
Andreas Thaler (A)
the next ENTERprise (A)
UN Studio (NL)
veech.media.architecture (A)
Zaha Hadid Architects (GB)



updated on 01 // 2016