FORUM: Ausweitung der Intelligenzzone
Bau-, Planungs- und Kritikkultur in Wien: Im Frühjahr 2014 veröffentlichte die Stadt Wien „Baukulturelle Leitsätze“, vom 18. September bis zum 19. Dezember ­werden diese in der Wiener Planungswerkstatt von einem Team aus Architekten, Kuratoren und Vermittler in einer Ausstellung präsentiert, begleitet von einem dichten Programm. Neben den die Bevölkerung ansprechenden Maßnahmen entstand für die Fachwelt ein neuer Flächenwidmungsplan, neue Hochhausleitlinien und eine neue Bauordnung mit neuem Fachbeirat. Die Plattform Baukultur präsentiert im Oktober einen Film über Zersiedelung. Folgen wird das neue Ziviltechnikerkammergesetz und nebenbei – nicht neu – die stete Diskussion über Architekturvermittlung und deren Präsenz in den Medien. Das alles ist Baukultur – und vielleicht ein bisschen mehr.

Der Begriff „Kultur“ impliziert alles und nicht nichts. Kultur macht den Menschen aus und unterscheidet ihn nicht nur von anderen Lebewesen, sondern – nach Kant – auch von der reinen Zivilisation. Kultur bedeutet deswegen nicht „anständig und artig“ seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen zu folgen, Kultur wird zusätzlich durch Moralität und die „sinnliche Natur des Menschen“ bestimmt. In der „Kultur des neuen Kapitalismus“ fügt Richard Sennet zudem noch Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Kultur hinzu. Auch Gemeinschaft sei nicht das einzige Bindemittel einer Kultur – als Beispiel nennt Sennet hier die Großstadt –, sondern die Herausforderung und die Bereitschaft, Gewohnheiten aufzugeben. Kultur ist somit eine Haltung, die Werte und Moral bestimmt, eine Instanz, die eine Bedeutung über den jetzigen Zustand hinaus festlegen soll, und stete Verhandlungssache. Somit nimmt der Kulturbegriff auch eine Vermittlungsposition ein, die eine Gesellschaft über bloße Einzelereignisse hinaus verbindet. Je indiviualisierter und selbstbestimmter wir leben, desto mehr definieren wir uns über oder gegen einen Kulturbegriff. Also „nicht anders als die anderen“ und „doch ausschließlich“: Einerseits ist Kultur damit auch eine universelle Ordnung, die allen Menschen gemein ist, und anderseits das Immer-schon-Vorhandensein ganz bestimmter Ausformungen und Eigenschaften davon. Dirk Baecker meint Ähnliches, wenn er Kultur als das bezeichnet, „was unvergleichbare Lebensweisen vergleichbar macht“. Kultur zählt zu jenem Begriffsinventar, das mit Beginn der Moderne zum Zwecke der Selbstreflexion auftaucht. Und wir wissen, dass keine Selbstthematisierung und keine Selbstreflexion ohne einen anderen auskommt [Johanna Riegler: 2003, Aktuelle Debatten zum Kulturbegriff].

Baukultur als Haltung
Die „Baukulturellen Leitsätze“ sind im oben definierten Kontext zu sehen. Sie sind keine ­Regeln, Gesetze oder Definitionen. Sie sind ein ­formuliertes Ziel einer (gemeinsamen) Wertehaltung. Deswegen sind sie missverständlicherweise kein Maßstab, den man an Einzelereignissen oder Projekten ausmachen kann. Das ist ein wesentlicher Schritt zu einer neuen Baukultur, die den Prozess und das Miteinander fördert, die Transparenz anstrebt und gesellschaftspolitische Zusammenhänge ­fordert.
Wir Österreicher – und das ist belegt – sind von Grund auf misstrauisch. Wir beschweren uns gern und wollen gleichzeitig alles. Erwin Ringel – und ebenso Robert Menasse – vergleichen Österreich mit einem dunklen und muffigen Zimmer. Ringel fügt dem noch ein zweites helles hinzu – und bezeichnet es als typische Ambivalenz des Österreichers: Anarchie und Ordnung. Ein Zimmer voller Neid, Unsicherheit, Misstrauen und Angst und ein Zimmer voller Höflichkeit und Freundlichkeit. Wie sich diese Ambivalenz aber in der Kultur abzeichnet, wird wohl nirgends deutlicher sichtbar als in der Baukultur. Wo Veränderung stattfindet, wo in jedes Leben eines Stadtbewohners eingegriffen wird, wo es um Kosten und Nutzen geht, wo es so schwierig ist, Macht und Autoritäten auszumachen, und wo Expertenmeinungen vielfältig sind – dort sind Werte schwer messbar und vage. Mitten in diesem Dunst befindet sich der Architekt – er ist an sich ambivalent und uneindeutig in seinem Berufsbild. Katha­rina Bayer von Einszueins Architektur hat es im Vortrag „partizipativ-kooperativ“ im Zuge der Baukulturausstellung am 23. September sehr authentisch anhand von Spannungsfeldern beschrieben. Zuoberst auf der Liste der Anti-Pole steht die Frage: Generalist oder Experte? Also praktischer Arzt oder Facharzt. In der Architektur nicht immer greifbar. Ein weiterer Punkt für erhöhte Unsichherheit.

Genauso wie die „Baukulturellen Leitsätze“ ist Architektur oftmals jedoch ein reines Bekenntnis zu einer Haltung, die vielfältig sein muss. Es muss Verhandlungssache sein, wie man sich bei den jeweiligen Projekten diesen Werten annähert, und Architektur ist wesentlicher Teil dieser Verhandlungssache. Einszueins Architektur: „Wir sind überzeugt: Gemeinsam können wir mehr erreichen. Darum fördern wir eine kooperative Arbeitsweise und gemeinschaftliche Unternehmungen wie Baugruppen, die durch die Weisheit der Gruppe die kollektive Handlungsfähigkeit erhöhen.“
Doch auch in etwas üblicheren Planungsprozessen mit Bauherren sind Parameter von Bedeutung, die sich nicht an einem Planungstisch lösen lassen. Hermann Czech definiert es als Manierismus: „Entwurf ist immer ein Prozess. Manierismus bezieht sich darauf, dass man Dinge einbezieht, die man nicht selbst einbringt, sondern die andere einbringen: Nutzer oder Auftraggeber, wer immer. Vor allem Nutzer haben natürlich die meisten moralischen Rechte, irgendetwas zu verlangen. Das kann aber auch völlig absurd und falsch sein und einem selbst nicht gefallen oder nicht in das eigene Gedankensystem passen. Und dass man bereit ist, absurde Dinge zu akzeptieren. Was nicht heißt, dass dies ein leidensfreier Vorgang ist. Ein weiteres Merkmal dieses Manierismus ist seine bewusste, weder irrationale noch unreflektierte Haltung, also: Man weiß, was man tut und warum etwas scheinbar eine Regelverletzung ist. Ein anderer Begriff, der vielfach ins Spiel kommt, ist die Verhandlung mit dem Nutzer. “
Baukultur ist damit nicht nur an Ergebnissen zu messen. Und Architektur ist kein losgelöstes Berufsfeld. Bart Lootsma sagt: „Architektur vermittelt zwischen privaten und öffentlichen Interessen – agiert und entsteht in einem komplizierten Kraftfeld. Wenn die Öffentlichkeit aber kein Gegenüber hat, wird es für den Architekten und die Architektur schwierig. Abgesehen davon hat politische Macht auch eine starke ökonomische Komponente. Sonst wird sie unglaubwürdig und zahnlos.“

Architektur des Ereignisses
Architektur wird nicht zuletzt in der Öffentlichkeit nur am Ergebnis diskutiert, sondern auch in der Fachwelt. Besonders in Österreich hat sich etwa ein Flechtwerk an Gestaltungs- und ähnlichen Beiräten etabliert, die Projekte außerhalb des Wettbewerbssystems bewerten. Ist dieses System aber nicht in begleitende Planungsprozesse eingebettet, wie Christoph Luchsinger es eindrucksvoll als wesentlichen Schwerpunkt bei den aktualisierten Hochhausleitlinien voraussetzt, kommt es oft willkürlich innerhalb der Kollegenschaft zu ablehnenden Entscheidungen. Es gibt in solchen Fällen selten eindeutige Ausschreibungen und Kriterien, nach denen eine adäquate individuelle Bewertung stattfinden kann, weil man die vorangehenden Prozesse nicht kennt. Zu begrüßen ist deswegen das strukturierte Prozessdesign der erwähnten Hochhausleitlinien. Dort wird die Projektentwicklung in vier Abschnitte geteilt und deren Leistungen, Entscheidungen und rechtliche Sicherungen definiert. Diesen Prozess soll eine unabhängige Lenkungsgruppe zur Gewährleistung der Qualitätssicherung begleiten. Es soll zum Beispiel nach der Konzeptphase und dem städtebaulichen Leitbild auch eine rechtliche Sicherung für alle Beteilig­ten geben – für die Stadt wie für die Projektentwickler. Frank Argast, Leiter Planungsabteilung im Amt für Städtebau in Zürich, argumentiert in einem dieser Präsentation angeschlossenen Workshop aus Erfahrung gar für eine sehr späte rechtliche Sicherung, um Gespräche und Verhandlungen möglichst lange in Gang zu halten. An dieser Stelle erscheint das Feedback im Workshop interessant: Ohne definitive Regeln und Gesetze könne man in Österreich nicht agieren. Das Vertrauen fehle – und die Kultur – nicht nur in der Öffentlichkeit. Wir Österreicher stellen grundsätzlich die Motive des anderen infrage. In der Diskussion über „Kooperative Planungsverfahren“ in der Planungswerkstatt erklärt Bernd Scholl, Professor für Raumentwicklung an der ETH Zürich, sinngemäß, dass wir „uns Zeit geben müssen, auch innerhalb der konkurrenzierenden Planungsbüros, Vorschläge und Ergebnisse zu überprüfen – auch um den Architekten zu vermitteln, warum etwas abgelehnt oder verworfen wird.“ Diese Vorgangsweise ist eine Chance, keine Gefahr und schließt die üblichen Zwischenrufe aus oder liefert zumindest Gegenargumente. Entscheidungen müssen getroffen werden, müssen aber auch argumentierbar sein. Die Hochhausleitlinien lassen grundsätzlich überall in Wien (bis auf Landschaftsschutzgebiete) Hochhäuser zu. Das sollte aber nicht heißen, dass es deswegen wirklich überall möglich sein soll, wie ein Vertreter einer Bürgerinitiative bei der Präsentation kritisiert. Christoph Chorherr spricht von einer Intelligenzzone. Diese müssen wir uns langsam alle zutrauen. Und die Politik muss sich zutrauen, diese auch zu vermitteln. Das Ergebnis allein erzeugt kein Vertrauen, wenn der Prozess nicht transparent gestaltet ist.

Architekturkritik und Vermittlung
Aktuell wird die Verschiebung der Architekturseite mit gleichzeitiger Reduktion in den Immobilienteil einer österreichischen Tageszeitung beklagt. Eine Kollegin aus Graz kommentiert dies in einem Onlineportal und verweist auf Zusammenhänge zwischen Anzeigen und Inhalten und gleichzeitig auf die nicht­adäquate Bezahlung der Autoren. Ja, Architekturkritiker ist kein Berufsbild und eher die „Obsession“ einiger weniger, die in Österreich schon lange nicht – oder noch nie – davon ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Hanno Rauterberg hat schon 2007 die Kunstkritik in der „Zeit“ aus ähnlichen Motiven an den Pranger gestellt (allerdings ohne die nun herrschende allgemeine Medienkrise): „Es war wohl doch nur ein Gerücht. Lange hatte es geheißen, die moderne Kunst brauche nichts dringender als Kritik. Sie könne nicht sein ohne erklärende Worte, ohne Kommentar und Einschätzung. In Wahrheit braucht sie nichts dergleichen. Niemand würde die Kritiker vermissen, wenn sie ab sofort schwiegen“, so Rauterberg.

Die Architekturszene hat jedoch – noch mehr als die Kunst – mit der allgemeinen Angst vor der Kritik zu kämpfen und der steten Vermischung von Architekturvermittlung und Architekturkrititk. Wolfgang Bachmann, damals Chefredakteur des deutschen „Baumeister“, erzählte Mitte der Neunzigerjahre im Haus der Architektur von seiner ersten kritischen Kolumne. Darin hatte er erstmals Architektur beschrieben – und verrissen. Die Reaktion des Architekten war verblüffend: Er rief in der Redaktion an und erkundigte sich, ob man ihm das Bild zur Verfügung stellen könne. Bachmann fragte nach, ob der Architekt denn den Artikel gelesen hätte? Der Architekt verneinte. Magazine veröffentlichen fast ­ausschließlich Best-Practice-Beispiele. Sie zeigen Architektur und beschreiben sie als vorbildhaft; gestreut mit ein paar kritischen Anmerkungen. Meist richtet sich diese Kritik dann nicht an den Architekten, sondern an den Bauherrn, das Budget oder die Politik betreffend.

In der Architekturszene ist Kritik nicht besonders gern gesehen. Welcher Architekt möchte schon, dass sein Projekt in einer österreichischen Tageszeitung veröffentlicht und verrissen wird. Viel lieber will er Publikationen, die er stolz seinen Kollegen und Bauherren zeigen kann. Hier spreche ich aus eigener Erfahrung: „Davon, harsche Kritik auszuhalten, sind Architekten und ihre Architektur weit entfernt. Aber bleibt ein Projekt versteckt, ist bei marketingabhängigen Bauwerken wie Wohnbauten, Shops, Hotels, Restaurants, Museen (letzere vor allem) gar keine Öffentlichkeit meist viel schlimmer als Kritik.“

Höchste Zeit also – genauso wie bei oben erwähnten baukulturellen Prozessen – auch hier zu unterscheiden, wo man seine Kampfzone in eine Intelligenzzone verwandelt. Die Tageszeitung „Der Standard“ hat eine Auflage von zirka 100.000 Stück, die „Kleine Zeitung“ etwa 300.000 und die „Wiener Bezirkszeitung“ mehr als 400.000. Vermittlung und Kritik braucht mehr Unterscheidung, mehr Fokus, mehr Argumente – und muss an ein unterschiedliches Zielpublikum gerichtet sein. Auch in der Medienlandschaft muss man sein Agitationsfeld kennen.
Architekten stehen hier vor demselben Problem wie ihre Vermittler und Kritiker: Sie sitzen in Jurys, in Fachbeiräten und Kommisionen – ihren möglichen Bauherren, Partnern und Konkurrenten gegenüber. Doch das ist bereits eine Chance. Als verpasst gilt jene, zu der man keinen Zugang hat. Und das sind leider noch viel zu viele – für Kritiker, wie für Architekten. Damit schließe ich mich abschließend Hanno Rauterberg an: „Höchste Zeit also, dass Kritiker so gut bezahlt werden, dass sie sich Freiheit und Meinung leisten können, dass sie mit Preisen bedacht werden, mit Stipendien und Werkverträgen. Höchste Zeit, dass man Kritiker fördert wie Künstler.“ Denn: Architektur findet immer mehr in einer gemeinsamen Kultur statt. Die österreichische Architektur hat jedoch vergessen, die Baukultur dieses Landes selbstbewusst zu reflektieren.

Foto: Hertha Hurnaus, Baukultur Wien
Veröffentlicht im: Architektur&Bauforum, 11/2014

updated on 01 // 2016