Gartenoase mit Kunstimplantat
aus: EINFACH! ARCHITEKTUR
AUS ÖSTERREICH



GARTENOASE MIT KUNSTIMPLANTAT

Österreich ist bekannt durch seine Berglandschaften und Kulturgüter. Seltsamerweise treten diese beiden im 21. Jahrhundert kaum als vereintes Paar auf. Gemeint sind Landschaftsplanungen, Platzgestaltungen oder Gärten in urbaner wie dörflicher Umgebung. Wir haben zwar barocke Gärten: Der Schlosspark Schönbrunn (1740) etwa zählt mit seinem circa 185 Hektar umfassenden Park heute zu den besterhaltenen barocken Gartenanlagen in französischem Stil; der Burggarten (1848) wurde in einen englischen Landschaftsgarten verwandelt und in Graz hat das Schloss Eggenberg (1625) einen neu gestalteten Planetengarten bekommen – in Anlehnung an die Allegorie des Universums, denn das gesamte Gebäude wurde nach dem astronomischen und mathematischen Wissen des 16. Jahrhunderts ausgerichtet. Diese Gärten haben mit Landschaftsplanungen wenig zu tun – unsere österreichische Landschaft bleibt aber ebenso fast unberührt wie Parkanlagen frei von zeitgenössischer Gartenkunst. Platzgestaltungen wie in Barcelona, thematisch vielfältig, die besonders in den neunziger Jahren Aufsehen erregten, findet man in österreichischen Städten nur in traditionellen Ausführungen. Es herrscht ein großes Bedürfnis nach Erhaltung in diesem Land. Wir lassen eben gerne alles, wie es ist, wenn es einmal da ist. Österreich ist ein konservierendes und konservatives Land – umso erstaunlicher mutet es daher an, dass etwa die Beschäftigung mit Denkmalschutz, Städtebau, Landschaftsplanung oder Gartengestaltung – alles nahe liegende „österreichische Themen“ – kaum zu finden ist. Vielleicht liegt es an dem Faktor Zeit, mit dem Österreich Probleme hat. Die Unfähigkeit, sich mit Zeit, vergangener wie zukünftiger, auseinander zu setzen, bestimmt nicht nur das alltägliche Geschehen, sondern verhindert auch nachhaltige, längerfristige Konzepte. Strategien, ebenso wie Gartengestaltungen, sind ohne zeitliche Komponente jedoch unmöglich. Robert Menasse schreibt in Das Land ohne Eigenschaften gar von einer ständigen Endzeitstimmung in Österreich, die er für einen nostalgischen, aber nie reflektierenden Umgang mit der Geschichte verantwortlich macht. „Das Diesseits der Geschichte ist flüchtig, aber es gibt immer ein geschichtliches Jenseits, das erlöst.“ So bleibt vieles im Unklaren und ohne Zusammenhang. Deswegen steht das ausgewählte Projekt von Architekt Peter Zinganel und Landschaftsplaner Günther Vogt für eine dieser seltenen – und gleichzeitig untypischen – Auseinandersetzungen. Untypisch ist es, weil auch das Projekt den Kontext bewusst negiert und zeitlich eigentlich „gegen“ Landschaft arbeiten musste, da es eine temporäre Gestaltung während der Internationalen Gartenschau 2000 in Unterpremstätten, in der Nähe von Graz, darstellt. Für das Gartenthema ist das Projekt aber perfekt. Vogt stellt in seiner Publikation Parks und Friedhöfe seinem steirischen IGS 2000 Projekt den „Prototypen des Gartens“ gegenüber. Ein Bild, das einen Baum in einer hügeligen grünen Landschaft zeigt, mit einer hölzernen Umzäunung. Sonst nichts – nur Grün, Baum und Zaun. In Österreich wird gerne umzäunt, „meins“ und „deins“ schön sauber getrennt. Wenn auch oft nur symbolisch (oder polemisch). In modernen Wohnanlagen findet man immer wieder auf als gemeinschaftlich gedachten Außenanlagen merkwürdige Zitate von Zäunen, die so niedrig sind, dass sie mit einem Schritt übertreten werden könnten. Zäune in dem Sinn vermeidet Vogt bei der Gartenschau; Grund zur Abgrenzung hat er zur Genüge. Das betreffende Gebiet ist die „Copacagrana“ von Graz. Schotterdeiche, Campingplatz, Veranstaltungshalle, ein Businesscenter (von ARGE Architekten Eisenköck–Peyker– Zinganel) und vor allem große Parkplätze bilden eine eher zufällig gewachsene und unattraktiv zerfranste Umgebung. Auf jeden Fall völlig unspektakulär und eine typische Vorstadt-Platzausnutzung an einer Autobahnabfahrt. Das Areal ist hauptsächlich Freizeit- und Ausflugsziel, ein Ort ohne städtebaulichen Zusammenhang. Vogt konzentriert sich und seinen Garten, indem er ihn in vier Themenbereiche teilt: Ackergarten, Blumengarten, Berggarten und Fasanengarten werden jeweils durch eine fünf Meter hohe Grenze getrennt. Diese „Grenze“ schafft thematische Räume, die mit der Umgebung und untereinander in starkem Kontrast stehen. Drei Pavillons (ein Eingangs-, ein Informations- und Verkaufspavillon und ein Café und Veranstaltungspavillon) und ein Aussichtsturm stellen die einzigen baulichen Maßnahmen auf dem Ausstellungsareal dar. Peter Zinganel variiert das Thema „Pavillon“, und obwohl diese Bauten – Gebäude wäre zu viel gesagt – Tore, Markierungspunkte und Anlaufstellen bilden, sind sie immer möglichst „wenig“, halten sich zurück und sind Teil des Bühnenbilds, nie extrovertierter Regisseur.

Regie führt der Garten.


Mittlerweile sind nur noch der Berg- und der Fasanengarten vorhanden. Diese wurden zu einem Skulpturenpark des Grazer Joanneums umfunktioniert. Viel geändert hat sich dadurch aber nicht. Vogts Gestaltung, die sich an den Bestand anpasst, die steirische Vegetation zum Vorbild nimmt und sich „natürlicher“ Materialien (Steine, Schotter, Böschungen) bedient, ist auf eine barocke Art und Weise dennoch künstlich. Weit weniger die Architektur. Die Pavillons sind zwar ebenso wie der Garten von Vogt ein Zitat auf den Prototypen eines Hauses oder zeigen die Modulation des Pavillons in drei Akten. Die Architektur ordnet sich der Vegetation unter. Das Freilichtmuseum wird von Böschungen begrenzt; der Garten ist der Raum, die Architektur, wie die Kunstobjekte Implantate. Peter Zinganel hat mehrere solcher Projekte realisiert: Der Rasenwürfel Ökopark Hartberg 2002, die Gestaltungen der Landesausstellungen in Murau (1994) oder Bad Radkersburg (1996) ordnen sich den übergeordneten Präsentationen unter. Oder besser: Sie schaffen es, das adäquate Umfeld ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Zinganel ist ein beständiger Architekt, hat Kontinuität, Genauigkeit, Intellekt und Romantik. Marketingtechnisch ganz falsch, moralisch professionell genau richtig. Dafür benötigt man einen langen Atem der Zeitlosigkeit, lässt hektische Modeerscheinungen hinter sich. In Graz war Zinganel für eine Generation Lehrer an der Technischen Universität, wo genau diese Eigenschaften, die seine Bauten ausdrücken, ihn zu einem qualifizierten Ausbilder machten. Er lehrte genau hinzusehen, er zeigte, dass jedes Gebäude, jeder Entwurf seine eigene komplexe Geschichte erzählen kann – und diese ist nie formal abhängig, immer von innen heraus entwickelt. Teamgeist und Originalität im Dienste von Architektur. Zu selten, um nun übersehen zu werden.

updated on 01 // 2016