Wild at Heart
aus: NiVo 01

Vladimir Doray und Vincent Saulier
hatten eine Vision von einem
Architektenleben jenseits des
Mainstreams und einer »anderen«
Architektur. Gegen den Übervater
Le Corbusier wollten sich die beiden
mit ihrer Generation verbünden und
gemeinsam zu einer neuen
Architektursprache finden.
Geblieben vom kollektiven Statement als
Utopie und Spass ist der »Wild Club«.

Text: Manuela Hötzl
Foto: Xavier Mora


Nicht erst mit dem – meist späten – Diplom beginnt das Hamsterrad der Architekturkarriere bestehend aus verlorenen und gewonnen Wettbewerben, Europan, der einen oder anderen Ausstellung, Projekten und schliesslich oder zwischendurch der Bürogründung mit der Erkenntnis »man kann überleben, aber nicht davon leben«. Die Situation für französische Architekten ist auch nicht anders als für ihre europäischen Kollegen. »Nur bei Wettbewerben zugelassen oder eingeladen zu werden, ist als junger Architekt in Frankreich praktisch unmöglich«, so Vincent Saulier, »man benötigt schon sehr früh ein umfassendes Portfolio, um durchstarten zu können.« Eine der Eintrittkarten in die Architekturszene, ist die Veröffentlichung im »NAJAP« ( Les Nouveaux Albums des Jeunes Architectes et des Paysagistes ) – kurz »Album« genannt. Wer dort mit seinen Arbeiten repräsentiert wird, hat den ersten grossen Schritt Richtung öffentlicher Aufmerksamkeit geschafft. Leicht ist es allerdings nicht in das »Album-Netzwerk« aufgenommen zu werden. 2002, vom Ministerium für Kultur und Kommunikation gegründet, sucht eine Jury aus über 200 Teilnehmern alle zwei Jahre eine Gruppe von Architekten und Landschaftsplanern unter 35 Jahren aus, die »Sichtbarkeit und Annerkennung« verdienen – wie der französische Kulturminister Frédéric Mitterand die Kriterien formuliert.

Wild oder seriös

Die Architekturszene und deren Portfolios sind ständige Themen zwischen Vladimir Doray und Vincent Saulier. Schliesslich hat es Vladimir Doray in das »2007 – 2008 NAJAP«-Buch geschafft, unter anderem mit einem gemeinsamen Projekt; dieses gab ausserdem seinem Büro den Namen »Wild Rabbit Architecture«. Vincent scheiterte an der Altersgrenze und verpasste damit auch die Erfolgsbilanz von 2007 – 2008: In zwei Jahren haben die ausgewählten 20 Büros laut François de Mazières (Cité de l’architecture et du patrimoine) an 229 Wettbewerben teilgenommen, 53 private Aufträge erhalten, bei 74 Ausstellungen mitgemacht, eine Veröffentlichungsliste von 165 Publikation und Konferenzen erreicht und ausserdem 16 Preise oder Auszeichnungen überreicht bekommen. Wir sitzen im Atrium des Hinterhofhauses von Vladimir Doray im Norden von Paris, nicht weit vom Parc de La Villette, umgeben von einer dichten Häuserschicht – keine Verkehrsgeräusche dringen hierher vor, auch keine Sonnenstrahlen an diesem heissen Oktobertag. Umgeben ist man im Hof von einem gesamten Tagesablauf, als Rundgang konzentriert auf wenige Quadratmetern. Küche und Wohnzimmer in einem Winkel – in einem »Seitenflügel«, ein Bürozimmer von ungefähr 15 Quadratmetern, wo die drei Mitarbeiter von Vladimir und er selbst arbeiten. Die vierte Seite ist von einer Wand begrenzt, davor ein Minibiotop mit einer Minikröte – kurz: eine nach innen gerichtete urbane Idylle.

Mit Architektur hat es nichts mehr zu tun. Es ist eher zur Kunst in einer Bilderparty geworden.

Am Tisch liegt der »Wild Club«-Ausstellungskatalog. 2010 hat die Schau mit einem Überblick der letzten zwei Jahre im Pavillon de l’Arsenal stattgefunden. Die einfache Idee des »Wild Club«: Jeden Monat wird ein Bild von einer »Site« an über 1000 Mitglieder geschickt; diese haben 24 Stunden Zeit, das Bild mit ihrer Idee zurückzuschicken. Die Bilder von Orten, Grundstücken oder Stadtansichten werden von Vladimir Doray ausgesucht, versendet und auf der Website dokumentiert. Die Beiträge bewegen sich von einfach umgesetzen Ideen, Illustrationen oder auch Comics bis zu durchdachten Entwürfen und Projektvorschlägen. Manche nehmen regelmässig am »Wild Club« teil, andere sind nur einmal dabei und verschwinden wieder von der Bildfläche. Selten wird zensuriert, einmal wollte ein Mitglied von sich aus seine sämtlichen Beiträge gelöscht haben – »er begründete das damit, dass er mit seinen Entwürfen Kollegen beleidigt hätte«, erklärt Doray schmunzelnd den Zwischenfall. Seit Mai 2008 finden die Sessions statt. Die Sammlung von drei Jahren »Wild Club« zeigt nur wenige Entwürfe für Gebäude. Warum das so ist? »Die Beiträge würde ich nicht als seriös bezeichnen. Weder die Art und Weise, noch die Inhalte. Mit Architektur hat es nichts mehr zu tun. Es ist eher zu Kunst, zu einem Aktionismus, zu einer Bilderparty geworden«, erklärt Vladimir Doray. Die ursprüngliche Idee war eine andere, und sehr seriös angelegt: Durch die regelmässige Praxis des Entwurfs mehr Professionalität zu erlangen. Doray: »Ich wusste damals, dass meine Entwürfe sehr gut funktionierten – aber ich konnte nicht sagen: das ist clevere oder gute Architektur.« Neben der Entwurfspraxis wollten beide voneinander und den anderen lernen, inhaltlich wie grafisch. Das gemeinsame Portfolio sollte dabei nur ein Nebeneffekt sein.

Im Schatten von Le Corbusier
Als sich Vladimir Doray und Vincent Saulier am Ende ihres Studiums im Zeichensaal für Diplomanden an der École Nationale Supérieure d’Architecture de Paris Belleville kennenlernten, stellten sie sich die Frage nach der Zukunft: »Was werden wir machen, wenn wir in Wirklichkeit Architektur machen werden?« Die nicht ungewöhnliche, wenn auch etwas naive Problemstellung, startete unter den beiden eine jahrelange Debatte über die Profession »Architektur« und den Willen, den eigenen Architektenalltag selbst zu bestimmen. »Wir wurden auf der Universität als Grossneffen von Le Corbusier erzogen. Wir mussten so zeichnen, so entwerfen und so denken. Kein Wunder, dass wir auf der Suche nach etwas anderem waren«, erklärt Doray. In ihrer Zusammenarbeit haben sie erkannt, wie fruchtbar Teamarbeit sein kann. Vladimir war der Analyst. Vincent der Zeichner. Vincent Saulier: »Aber wir wollten unseren Horizont erweitern, in grösseren Massstäben und Zusammenhängen denken und agieren.« Ihr erster gemeinsamer Wettbewerb für einen Wohnbau ausserhalb von Paris sollte dagegen noch konkretere architektonische Fragen aufwerfen. Doray und Sauliers Vision für den Wettbewerb war eine begrünte Gebäudelandschaft mit Atrien, Höfen und Dachterrassen, die sich in die Erde eingräbt. Da man Leute, die in Hochhäusern leben, in Frankreich als »Rabbits« bezeichnet, erhielt ihr Projekt den Namen »Wild Rabbits«. Selbst jetzt, im nostalgischen Rückblick wird klar, wie ernst sie es damals gemeint hatten, als sie im nächsten Schritt andere Architekten, Freunde und Kollegen zu einem gemeinsamen Europan aufriefen. Ihre Idee war, Beiträge auf verschiedenen Grundstücken in verschiedenen Ländern von verschiedenen Architekten als ein Gesamtkonzept zu präsentieren. Die Europanjury sollte erkennen: da draussen ist eine Gruppe von Leuten, die gleich denkt, die Entwürfe gleich präsentiert und von den selben Dingen spricht. Und nicht als Konkurrenten auftritt.
Der Anspruch war gross, ebenso der organisatorische Aufwand – das Projekt scheiterte. Ausser Vladimir und Vincent hat keiner von den Eingeladenen seinen Entwurf eingereicht. Der Grund: Schon allein die Frage nach der Bezeichnung der Autoren oder die Vereinheitlichung der Layouts halfen dem Experiment nicht – ausserdem fehlte die Zeit sich abzusprechen. Das Engagement und die Vision eine Szene abzubilden blieben dennoch. »Die Grundidee eines Austauschs von Ideen wollte ich damals nicht aufgeben «, erklärt Vladimir seinen ungebrochenen Optimismus – und die Gründung des »Wild Clubs«. Im Gegensatz zu Vincent, der fast jeden Monat seinen Beitrag liefert, nimmt Vladimir selbst nicht mehr am »Wild Club« teil – doch trotz der vielen Wettbewerbe, die er mit seinem Büro abwickelt, hat er für sich selbst eine neue Form der Praxis gefunden: Er gibt längst verschwundenen Architekturen eine neue Geschichte, als fiktive, gezeichnete Biografie eines Gebäudes. Ein Projekt ganz für sich alleine – und noch nicht im Portfolio.

updated on 01 // 2016