INTERVIEW - LUXUS: LEBENSGEFÜHL
Manuela Hötzl im Gespräch mit Heide Schicht und Astghik Der Sakarian

Mit einem leichten Knacken auf den Geschmacksknospen zergeht der Fischrogen, langsam, salzig und aromatisch, auf der Zunge. So würzig wie ein Biss in den Kaviar ist auch ein Besuch bei den Architektinnen Heide Schicht und Astghik Der Sakarian – den Beluga-Töchtern. Temperamentvoll, lebenslustig, stilsicher – mit einer Spur Exotik – sind die beiden Frauen seit 2007 dabei, sich in der jungen Architektenszene Wiens und darüber hinaus zu positionieren. Lokalaugenschein im fünften Wiener Gemeindebezirk.

Erschienen im Architektur&Bauforum, FORUM

Portrait: Larry R. Williams

Ihr scheut euch nicht, den Begriff „Luxus“ als Spezifikation in eurem Geschäftsfeld zu verwenden. Ist das in Zeiten der Krise noch adäquat?
Wir definieren Luxus sicher nicht über die Höhe des Budgets. Luxus ist etwas sehr Individuelles – im Gespräch mit den Bauherren sind wir ständig auf der Suche nach diesem persönlichen Statement, das den Luxus im Alltag ausmacht – und eben nicht mit Reichtum oder Opulenz zusammenhängt. Dabei geht es eher um ein Lebensmotto, oder besser: um ein Lebensgefühl, das wir mit der Konzeption des Wohnhauses den Bauherren mitliefern wollen.


Inwieweit spielt dabei Nachhaltigkeit eine Rolle?
Der Begriff ist in unseren Augen genauso strapaziert wie „Luxus“ – in Wirklichkeit geht es auch dabei immer um das jeweilige Projekt und die Ansprüche des Bauherrn. Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sind in unserer Planung eigentlich automatisch inkludiert. Wir sagen aber nicht: Es muss unbedingt ein Passivhaus sein – das ist nicht unser Hauptthema. Viel wesentlicher ist die Angemessenheit des ganzen Projekts – innerhalb des jeweiligen Budgetrahmens. Das ist uns ganz wichtig; und erfordert oft sehr, sehr viel Kreativität.

Ich muss euch jetzt fragen: Wie ist es als reines Frauenbüro, plant man anders?

Wir werden ganz oft darauf angesprochen – aber es fehlt uns die männliche Seite, um das wirklich beurteilen zu können (lacht). Nein, aber ich glaube nicht, dass wir anders planen; oder dass man an einem Entwurf die weibliche oder männliche Autorenschaft erkennen kann. Aber anders herum: Einen Nachteil können wir daran auch nicht erkennen. Für uns ist die Arbeitsgemeinschaft als „Zwei-Frau-Büro“ perfekt.

Der Terminus „Töchter“ in eurem Namen weist ja auch darauf hin. Wollt ihr die Frauenquote nutzen?

Das war nicht unser Ziel – vielmehr zählt „Frausein“ einfach zu unserer Identität. Wahrscheinlich auch zu unserer beruflichen, ohne aber das Thema überzustrapazieren. Gleichberechtigung sollte stattfinden; ganz selbstverständlich – das ist nur leider immer noch oft nicht der Fall.

Ihr seid beide halb Österreicherinnen, zur anderen Hälfte aus dem Iran und zum Teil auch dort aufgewachsen – dieser orientalische Einfluss ist in eurer Architektur unbestreitbar vorhanden. Wie bewusst setzt ihr diesen Teil eurer Identität ein?

Sehr bewusst. Das Spiel mit altorientalischen Ornamenten ist bei vielen Projekten von uns zu finden. Auch unsere Faszination für das Element Wasser kommt von unseren orientalischen Wurzeln. Aber wir würden uns zu sehr einengen, wenn wir uns jetzt nur darauf beschränken ließen. Wir beide sind eher multikulturell aufgewachsen, waren viel auf Reisen und haben einige längere arbeitsbedingte Auslandsaufenthalte wie etwa in Mexiko hinter uns – daraus ergibt sich eine Fülle von Einflüssen und ein riesiger Fundus an Inspiration, auf den wir zurückgreifen können.

Muss das der jeweilige Bauherr kulturell auch verstehen?

Es ist eher umgekehrt: Wir haben unsere kulturellen Bezugsquellen erst durch unsere Bauherren verstehen gelernt. Ideen entwickeln sich ja über die Aufgaben, die einem gestellt werden. Unsere Bauherren sind oft in einem ähnlichen Kontext wie wir aufgewachsen, leben in einer multikulturellen Ehe oder sind international tätig – zumeist sprechen wir einfach diese Art von Menschen an. Und aus diesem Kontext heraus waren auch wir gefordert, neben den ästhetischen, funktionalen und psychologischen Aspekten im Planungsprozess auch den kulturellen Komponenten eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Das betrifft oft die Raumwahrnehmung, die Definition von privaten und gemeinschaftlichen Zonen – sowie überhaupt der Größe von Zimmern. Auch das öffentliche Feedback, also jenes der Journalisten zum Beispiel, kommt oft von außerhalb, oft aus dem außereuropäischen Ausland. Das ist interessant und hat uns eigentlich erst den Spiegel vorgehalten, wer wir sind und was wir können.

Wie zeigen sich nun die kulturellen Einflüsse an konkreten Projekten?

An sehr vielen Projekten ist das zu erkennen. Eine Villa in Wien hat im Raumprogramm den Fokus auf Langzeitgäste. Das bedeutet eine starke Trennung der privaten Wohnräume – und einen großzügigen gemeinsamen Wohnbereich, der sich auch barrierefrei nach draußen öffnen lässt. Manchmal sind es aber nicht nur kulturelle Einflüsse, sondern klimatische. Bei einer Villa in Brasilien regelt etwa eine zentral gelegene Wasserfläche auf natürlich Weise das Wohnklima. Aber auch ein gutes Beispiel von einem Kollegen fällt uns dazu ein, von Chalabi-Architekten. Als wir letztens ihren Vortrag gehört haben, haben wir uns sehr in den Projekten zu Hause gefühlt. Da sieht man die ähnlichen kulturellen Einflüsse, das Feingefühl, ohne orientalische Opulenz. Man kann ihnen für ihren Wohnbau Sir Beni Yas Island in den Emiraten nur das Beste wünschen – hoffentlich wird er realisiert.

Es heißt: Wasser im Haus soll Reichtum bringen ...

Das ist ja umso besser. Aber das wussten wir nicht.

Auch euer aktuelles Projekt steht am Wasser?

Ja, an der Donau. Es ist kleines – eigentlich das kleinste – Haus bisher. Der Wunsch der Bauherren, eine vierköpfige Familie, war ein kompaktes, günstiges Haus mit einer möglichst effizienten Raumaufteilung. Durch den fließenden Übergang von innen nach außen wird eine Vervielfachung der Wohnfläche erreicht. Diese Wirkung wird noch verstärkt durch die Umkehrung des Innen- und Außenraums wie etwa bei der Materialität von innen und außen oder bei typischen Innenraumelementen – so wird zum Beispiel ein Regal in die Außenfassade integriert. Oder der terrassenartige aufklappbare Wintergarten, der ebenfalls als Erweiterung der Wohnfläche dient und multifunktional belegt ist. In den Sommermonaten bietet er eine zusätzliche Schlafmöglichkeit.

So wie das Haus dasteht, wirkt es fast selbst wie ein Schiff auf dem Wasser ...

Das freut uns, wenn das Haus solche Assoziationen weckt. Der Bezug zum Wasser war auch hier bei allen Überlegungen wesentlich. Wir haben uns beim Entwurf von der im Schiff- und Bootsbau gebräuchlichen effizienten und optimierten Raumnutzung inspirieren lassen. Ein Ansatz, der den Wünschen der Familie sehr entgegengekommen ist. Wir würden es überhaupt begrüßen, wenn Wien die Wasserflächen mehr und mehr in den Alltag und das Stadtleben integrieren würde.

Wäre Bootsbau ein Wunschthema von euch?

Sagen wir so: Boote üben eine große Faszination auf uns aus, zumal auch eine von uns passionierte Seglerin ist. Der minimale Raum und die erforderlichen Funktionen sind mehrschichtig belegt und überlagert. Ästhetik und Funktionalität sind beim Bootsbau eine Einheit. Grundsätzlich interessiert uns aber der Wohnbau – Wohnhausanlagen, Feriendomizile und Dachausbauten – bevorzugt am Wasser (lacht).

Ihr seid IG-Architektur-Mitglieder und haltet am 4. Dezember
einen Vortrag bei „architektur in progress“ in Wien – was interessiert euch am Austausch mit anderen Kollegen?

Innerhalb der Architektenschaft sollte man idealerweise seine Erfahrungen austauschen. Das bedeutet nicht nur, bei Projekten mehr ins Detail zu gehen, sondern betrifft ganz prinzipielle Fragen: Wie geht man mit den verschiedenen Auftraggebern um? Fragen wie Marketing, Wirtschaftlichkeit, Honorare, Akquise. (Bau-)rechtliche Belange, Austausch über Firmen, usw. Gegenseitige Unterstützung. Und wir finden es grundsätzlich spannend, über Architektur und kunstübergreifende Projekte zu diskutieren.

Ein solches interdisziplinäres Projekt habt ihr jetzt in Mexiko, wo ihr des Öfteren seid?

Dieses Jahr wurden wir in die Stadt zu einem interdisziplinären Workshop eingeladen – gemeinsam mit anderen Bereichen wie Tanz, Ton, Video wird Architektur als Teil des Workshops von Astghik Der Sakarian betreut. Geplant ist die Auseinandersetzung mit dem städtischen Raum von Mexico City und San Luis Potosi als Beobachter bzw. Interakteur mit den verschiedenen Mitteln. Das Ergebnis wird in einem „Nightwalk“ präsentiert – bei dem alle Akteure und Projekte wie mit einem „roten Faden“ miteinander verbunden sind. Das wird sicher ein spannender Austausch.

In diesem ganzen internationalen Spektrum von Design und Architektur: Habt ihr Vorbilder?

Wir sind große Fans von Luis Barragán. Die Reduziertheit seiner Bauten sowie sein einmaliger Umgang mit Farben fasziniert uns sehr. Auch Oskar Niemeyers einzigartiger Umgang mit Formen ist umwerfend, seine Architektur ist nach wie vor abgefahren. In seinen Werken spürt man seine emotionsbetonte Persönlichkeit. Auch Odile Decq mögen wir sehr, im Besonderen ihren Entwurf des Schiffs „Esense Wally 143“. Das dazugehörige Video auf Youtube ist unheimlich sympathisch und persönlich, wir können es sehr empfehlen. Ansonsten Pierre König aus Californien, Snøhetta aus Oslo, Michel Rojkind und Tatiana Bilbao aus Mexico City, unsere Favoritin im Bereich Möbeldesign ist Patricia Urquiola. Und noch viele mehr – wir sind neugierig und versuchen informiert zu bleiben, was nicht immer einfach ist. Die Szene ist vielfältig und wächst stetig.

updated on 01 // 2016