FORUM: KRITIK DER KRITIK
Die im Dunkeln sieht man nicht
Architekturvermittlung, Krititk, Sprache - und Krise

„Wie steht es um die Kritik? Ist nicht die Krise der Kritik so alt wie die Kritik selbst?“, diese Fragen stellt der Architekt Michael Gebhard in dem jngst erschienenen Buch „Kritik der Kritik“ elf Architekturkritikern. Er ist nicht der Einzige – und er hat recht: Der Ruf nach einer Debatte über Kritik, Krise und ihr propagiertes Ende ist ein wahrer „Evergreen“ in der Architekturtheorie.

Auch in Wien fanden jüngst zwei Symposien dazu statt: „Kritik oder Krise“ (ÖGFA) und „Wege zur Baukultur – Schweiz und Österreich im Dialog (Orte NÖ, ÖIAV, SIA). Allen Debatten gemein ist die ständige Verhandlung um die Rolle der Architektur und die Vorstellung, wann, wo, wie – und vor allem an wen sich Kritik wendet und Architekturvermittlung richtet. Die Kritik ist tot. Lang lebe die Kritik! (Ole W. Fischer, ARCH+200). Der Beruf des Architekten hat eine relative junge Geschichte und ist aus einer technologischen wie ökonomischen Entwicklung entstanden. Erst im 19. Jahrhundert – durch die Industrialisierung – bildete der „Architekt“ eine eigene akademische Disziplin. Architekturmagazine haben eine noch kürzere Geschichte: „Domus“ wurde 1928 gegründet, die „Bauwelt“ 1910 und das Magazin „Architectural Review“ ging 1927 aus der „Architectural Review for the Artist and Craftsman“ (1896) hervor. Und schon in den ersten Ausgaben ist zu lesen, dass Architektur auf ein grundsätzliches Unverständnis in der Gesellschaft stößt – dieser Umstand verweist damit auf einen immerwährenden Kampf um Anerkennung der Architektur bei ihrem ureigensten Gegenüber, dem Bauherrn. Diese – politische, öffentliche und nichtöffentliche – Debatte um die Definition der Architektur als Mehrwert liegt diesen Anfängen zugrunde. Was macht einen Bau zur Architektur?

ÜBER BLOSSES BAUEN HINAUS
Auch Ole W. Fischer führt in „Werk, Bauen, Wohnen“ (4, 2015) die frühe Abgrenzung von Architektur als „ideelle Konzeption von Bauten gegenüber der handwerklich-mittelalterlichen Tradition des Baumeisters“ als bis heute spürbar an. Begonnen mit Alberti, der das antike Traktat des Vitruv wieder aufnahm, folgte in ‚de re aedificatoria‘ 1452 der Abgrenzung der Architektur als ideelle Konzeption. Fischer fasst auch die philosophische – architekturtheoretische – Entwicklung in aller Kürze zusammen, wo „erst dann von Architektur gesprochen“ werden kann, „wenn ein künstlerischer Mehrwert (Hegel), ein Thema (Kant, Schopenhauer), Selbstreflexivität (Lessing) oder ein Beitrag zum Diskurs (Foucault) das Werk über bloßes Bauen erhebt“. Theorie kann also erst dort ansetzen, wo Architektur beginnt – und schon diese Grenzen gilt es, immer wieder auszuloten. Per definitionem ist der Begriff Kritik die „Kunst der Beurteilung“ – und da dreht sich das Karussell wieder von neuem. Weil wenn Architekturkritik erst nach Fertigstellung eines Gebäudes veröffentlicht wird – in welchem Medium auch immer –, dann kommt sie in der Tat zu spät (Gerhard Matzig in „Kritik der Kritik“). Oder auch nicht. Gerade Architektur braucht oft Zeit, um in ihrer Wirkung überhaupt beurteilt werden zu können. Manchmal weniger, manchmal mehr. Richard Rogers hat in einem Interview (FORUM 09/2014) erklärt, dass alle Journalisten sowohl in Fachmedien als auch in Tageszeitungen gegen den Bau des Centre Pompidou waren. Ohne überzeugten Bauherrn wäre das Projekt somit niemals realisiert worden. Der gute, mutige Bauherr ist als Traumpartner jedes Architekten nicht wegzuschreiben. Entgegen dem Unverständnis der Öffentlichkeit.

MEHR KRITIK
Dennoch kommt immer mehr die Kritik, auch an den vielen Artikeln über Best-Practice-Beispiele. Heidrun Schlögel von Orte: „Architekturmagazine oder Architekturseiten erscheinen mir oft wie die PR-Organe von Architekturbüros. Darin werden ausschließlich Best Practices oder vermeintliche Best Practices präsentiert. Ich habe den Eindruck, dass es in Österreich keine Architekturkritik gibt.“ Doch auch diese Entwicklung hat ihre eigene Geschichte, die in den vergangenen 25 Jahren mit der allgemeinen Zunahme und Vielfältigkeit der Medien eine Wendung nahm. Anfang der 1990er war Architektur vor allem unter den Architekten kaum bekannt. Architekturmagazine veröffentlichten die „Besten der Besten“. Und das war wichtig. Magazine waren Plattform eines globalen Informationsaustauschs, der Möglichkeiten aufzeigte und bis ins Detail beschrieb – und heute selbst die Architekten langweilt. Die Tageszeitungen schlugen anfangs in dieselbe Kerbe und haben auf den wenigen zur Verfügung stehenden Seiten gute Bauten vorgestellt. Kritik an der Architektur war ohnehin immer präsent, wenn auch vor allem an überschrittenen Budgets, verhindernden Bauherren oder städtebaulichen Entscheidungen – und dann im Wirtschafts- oder Politikressort; nicht im Feuilleton.

DIE BILDERFLUT
Damals – und so lange ist es nicht her – war es wichtig, gute Projekte vorzustellen. Nicht zuletzt, um Argumente zu einem Verständnis zu liefern. Nun hat sich – nicht nur in der Architektur – eine Bilderflut eingestellt, die im Allgemeinen den Text immer mehr marginalisiert. Das hat für die Architektur, die anders als andere Kultursparten vom Bild abhängiger ist, auch größere Auswirkungen. Immer schon hingen Architekturmagazine vom Material, das Architekten zur Verfügung stellen, ab; umso mehr seit die Budgets der Magazine zurückgehen und immer mehr online präsentiert wird. Wer soll jemanden kritisieren, der vom Bild bis zum Text alles für eine Veröffentlichung Nötige liefert. Bei einem Vortrag (über Architekturkritik) hat Wolfgang Bachmann, damals Chefredakteur des „Baumeister“, Mitte der 1990er-Jahre im Haus der Architektur Graz von seiner ersten kritischen Kolumne über ein Projekt erzählt. Das Foto dazu hätteb er selbst gemacht. Die Reaktion des Architekten war verblüffend: Er rief in der Redaktion an, bedankte sich für die Veröffentlichung und fragte an, ob man ihm das Bild zur Verfügung stellen könne. Bachmann war von der Anfrage irritiert und fragte nach, ob der Architekt denn den (kritischen) Artikel auch gelesen hatte? Der Architekt verneinte, er war ja davon ausgegangen, dass Projekte in Architekturmagazinen nur, positiv besprochen würden. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Fakt ist – und das gilt nicht nur für Magazine, sondern für die gesamte Architekturpublizistik –, dass Veröffentlichungen immer mehr von den Protagonisten selbst bestimmt werden: Magazine wie Verlage sind finanziell nicht nur von Anzeigen abhängig, sondern immer mehr auch von ihren Protagonisten. Auf dem Buchmarkt ist dies noch eindeutiger: Anders als im Kunstbereich agieren in der Architekturbranche selten Institutionen, Kuratoren oder Kritiker als selbstständige Publizisten. Die meisten Monografien werden selbst produziert und finanziert. Was, radikal ausgedrückt, das Selbstbildnis der Szene stark verfälscht und relativ einseitig gestaltet. Bis auf wenige Ausnahmen ist der Blick von außen nicht mehr möglich und OEuvres werden – ausgenommen jene bereits verstorbener Architekten – kaum in einen breiten Kontext gestellt oder im Sinne ihrer Bedeutung für das Gesamtbild betrachtet. Außerdem: Nur wer viel baut oder größtenteils im institutionellem Kontext operiert, hat das Budget, die Ressourcen oder die Motivation zu einer Publikation des eigenen Portfolios. Die Folge: Architekturpublikationen, im Speziellen Monografien, zeigen ein einseitiges Bild einer Szene. Eine Selbstreflexion ist nicht mehr möglich. Und die Förderung von jüngeren oder intellektuelleren Architekten ist unmöglich geworden. Weil sich gleichzeitig die Förderstellen – und Firmen – nicht der „Kunst der Urteilsfähigkeit“ beziehungsweise der selbstbewussten Auswahl und Entscheidung stellen wollen. Deswegen sind Architekten auch einige der wenigen, die Texte vor deren Erscheinung sehen wollen – eine Journalistin der „Neuen Zürcher Zeitung“ hat einmal erzählt, dass sie dann immer sagt: Glauben Sie wirklich, dass alles, was in der Zeitung steht, von den Leuten, um die es geht, selbst geschrieben wird? Warum lesen Sie dann die Zeitung?

VOM GELUNGENEN UND MISSLUNGENEN
Demgegenüber ist Kritik in den Tageszeitungen fast kontraproduktiv. Gerade dort, wo, außerhalb der Szene, Architektur ohnehin sehr leicht von vielen Seiten negativ kritisiert wird – und zwar von Laien wie von Architektenkollegen selbst –, ist Kritik nicht immer angebracht. Besonders wenn sie aus der Kollegenschaft kommt. Friedrich Achleitner: „Urteile – die meist mit dem absoluten Wahrheitsanspruch gefällt werden (auch unter Architekten) – interessieren mich immer weniger. Ich finde sie auch ermüdend.“ Wir müssen also Architekturkritik und Architekturvermittlung klarer trennen – und sie fallweise in den Medien austauschen. In Tageszeitungen sollte demnach vermehrt Vermittlung, in den Architekturmagazinen vermehrt Kritik stattfinden. Barbara Feller (Architekturstiftung Österreich): „Fachpublikationen ermöglichen eine vertiefte Beschäftigung mit vielfältigen Aspekten des Architekturschaffens, die in dieser Tiefe in der aktuellen Tagespublizistik weder machbar noch sinnvoll ist. In beiden Feldern ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem breiten Thema ‚Baukultur‘ erforderlich – die in Österreich durchaus noch ‚Luft nach oben‘ hat.“ Denn immer noch ist Architektur vom Verständnis des oben beschriebenen Mehrwerts abhängig und nicht von geschmäcklerischen Fragen, den sich auch Architekturkollegen selbst immer wieder hingeben. Reinhard Seiß: „Wie wichtig Archtitekturkritik für unser Baugeschehen wäre, sieht man an der erschlagenden Mittelmäßigkeit von 95 Prozent aller Neubauten und an der Selbstzufriedenheit der all dies Planenden, Genehmigenden und Bauenden. Architekturvermittlung macht viel mehr Sinn, wenn sie nicht nur das Gelungene in die Öffentlichkeit trägt, sondern auch das Misslungene entsprechend thematisiert – was ohne Architekturkritik aber schwer möglich ist.“

DIE KUNST DER BEURTEILUNG
Architekten sollten deswegen nicht die Rolle des Kritikers einnehmen, das wäre in keiner anderen Berufssparte denkbar, und zu Recht kontraproduktiv. Egal ob es sich um Juryurteile oder Bauten von Kollegen handelt. Diese Debatten gehören, wenn überhaupt, in Fachmedien – und nicht in Tageszeitungen. Architekturvermittlung bedeutet dagegen auch, das immer komplexere Baugeschehen zu erklären. Planungsprozesse, politische Entscheidungsfindungen oder Bürgerinitiativen – wann, wo und wie entschieden wird, ist nicht immer mit Kritik gleichzusetzen; oder angebracht und sollte deutlicher vermittelt werden – von allen Protagonisten; das kann man nicht allein den Architekten und ihren Kritikern überlassen. Friedrich Achleitner: „Ich bin ja zunehmend der Meinung, dass bei der Komplexität der heutigen Bauprozesse Kritik kaum mehr verbal möglich ist. Anders gesagt: Die beste oder einzig mögliche Kritik wäre das Gegenprojekt. Kritik kann nur mehr ein Kommentar von außen sein, also eine höchst fragwürdige und kontextabhängige Sache. Die Frage ist: Kritik von wem für wen?“ Und da ist sie wieder, diese Frage, an wen sich Architekturkritik eigentlich richtet. Die „Kunst der Beurteilung“ betrifft uns alle – alle, die wir in der Stadt, im Land und in Europa leben. Viel schwieriger ist es jedoch geworden, was man nicht liest oder sieht, zu erkennen und zu vermitteln. Dafür braucht es mehr: mehr Magazine, mehr Architkurkritik, mehr Verständnis – und oft mehr Wissen. Wie Christoph Luchsinger bei der Baukulturveranstaltung gesagt hat: „Oft können die Architekten ihr Projekt selbst nicht vermitteln.“ Und: Wenn wir nach mehr Architekturkritik verlangen, müssen wir auch hier den Kontext in der gesamten Medien-, Bau-, Kultur- und Politiklandschaft erkennen – und differenzieren. Wenn es die Krise gibt, sind alle in der Krise. Auch die Kritiker, Journalisten und Redakteure müssen in diesem Prozess eine Rolle finden. Denn die im Dunkeln sieht man nicht*.

updated on 01 // 2016