Alle Welt im Raum
Manuela Hötzl im Gespräch mit Barbara Imhof


Noch dieses Jahr startet die Ariane 5 Rakete mit einem ESA Satellit, um sich auf eine 16 Monate dauernde Reise zum Mond zu machen. Eine Mondbasis könnte als Ausgangspunkt für künftige Flüge zum Mars dienen. Nur wenigen blieb der Blick auf die Erde bisher vorbehalten und doch hat die Faszination der unendlichen Weiten eine ganze Generation beeinflusst. Neben Forschung, Wissenschaft und Technik blieb auch die Architektur von der Eroberung des Alls nicht unbeeinflusst. Barbara Imhof hat als Weltraumarchitektin bei der NASA an dem Marsmissionsprojekt „Bioplex“ mitgearbeitet. Mit FORUM sprach sie über soziale, psychologische und formale Einflüsse von Architektur im Kosmos – und deren „erdige“ Rückkoppelung.

Ist Architektur im Kosmos überhaupt ein Thema?
Anfangs war die Raumfahrt von technologischen Bedingungen und deren Machbarkeiten geprägt. Die Landung auf dem Mond wurde als wissenschaftlicher Sieg gefeiert, der die Ausbildung der Ingenieure stark beeinflusst, aber auch blockiert hat, da diese sich immer weiter von der Realität des direkten Umfelds der Astronauten wegbewegt hat. Internationale Raumstationen sahen aus wie Maschinen, die deutlich machten, wie wenig Rücksicht auf den Menschen genommen wurde. Doch Architektur und Design spielen da eine Rolle, wo man vom reinen Campingtrip abkommt und längere, bemannte Missionen durchführt.


Du hast an dem Projekt „BIOPLEX“ bei der NASA gearbeitet. Wie kommt man als Architektin dorthin?
Im Zuge meines Masterstudiums „Space Studies“ (an der International Space University) in Strasbourg, hatte ich mich für ein Praktikum am "Johnson Space Center“, eines der elf NASA Zentren entschieden, weil dort alle Astronauten ausgebildet werden – das bedeutet den direkten Kontakt mit potenziellen Bauherren und –frauen. Bei „BIOPLEX“, dem, derzeit noch laufenden, Projekt für die bemannte Marsmission, war ich die einzige Architektin. 


Welche Aufgabe hast du dabei übernommen?

Wir im Team mit anderen Wissenschaftern an der Umplanung des Wohnmoduls gearbeitet. Das ist ein Teil eines größeren Komplexes mit Labor-Maschinen- und Grünhausmodulen. Die Einzelteile sind sehr klein und können nicht für sich betrachtet werden. Mit innovativen Architekturprojekten, mit denen man als Architekt umzugehen lernt, haben diese Planungen aber wenig zu tun. Für mich war es die Beschäftigung mit Architektur im Stadium der Simulation. Dafür war meine Ausbildung an der Universität für Angewandte Kunst, in Bezug auf räumlichen Interventionen und Strategien, sehr hilfreich.

Du hast zu Beginn von einem dominanten Ingenieurswesen gesprochen. Es würde mich sehr wundern, wenn es im „All“ anders wäre als auf der Erde und sich die Architekten gegenüber Ingenieren leicht durchsetzen könnten. Oder nehmen sie dort die Schnittstelle zwischen Soziologie und Technik ein?
Idealerweise wäre das so. Doch sind auch die Weltraumarchitekten sehr stark vom einem Ingenieursdenken geprägt. Was in ihren Entwürfen ziemlich deutlich wird. Das hängt aber auch mit den vielen Randbedingungen und Vorschriften zusammen, die man sich aneignen muss. Es ist ein extremes Spezialgebiet und Architekten müssen sehr viel KnowHow haben. Doch die Zusammenarbeiten zwischen Ingenieuren und Architekten muss in Zukunft sicher verstärkt stattfinden.

Die Weltraumtechnik, oder besser: die Idee der Eroberung des Weltalls hat die Architektur, wie in den 70ziger Jahren, mehr beeinflusst, als dass Architektur einen Einfluss im Weltraum hätte?
Zu einem gewissen Teil, natürlich. Das gilt sicher für das Thema „Wohnen“. Wenn ich zum Beispiel an Archigram denke: Diese Architektengruppe war ganz stark vom Weltraum beeinflusst und hat eine ganze Architekturgeneration geprägt, ohne dass sie jemals etwas umgesetzt haben. Deshalb kann man sich schon die Frage stellen, inwieweit solche Visionen auch in Zukunft Entwicklungen auf der Erde stimulieren – das ist nur schwer abzuschätzen.

Die ästhetische Beeinflussung ist offensichtlich und wahrscheinlich auch bedingt durch die Entwicklung neuer Technologien?
Die Wettbewerbssituation, die zu Zeiten des kalten Krieges entstanden ist, hat sehr viel dazu beigetragen, dass andere Technologien entwickelt worden sind. Speziell auch Materialtechnologien, die dann in anderen Bereichen wieder Anwendung finden. Daraus ist sicher die technoide Ästhetik der 60er und 70er Jahre entstanden. Aber auch andere Bereiche, wie Infrastrukturen werden teilweise aus dem Weltraumbereich für andere Lebensbereiche übernommen.

Haben wir also ein Teil des Weltraums schon längst in unserem Alltag?
Selbstverständlich. Kulturelle Traditionen und Entwicklungen sind in diesem Bereich aber wenig hinterfragt. Das gilt allerdings nicht nur für den Weltraum – formale Einflüsse sind oft historisch begründet und schauen mehr aus „Gewohnheit“ so aus, wie sie ausschauen. 
Besonders im Innenbereich eines Raumschiffes oder Weltraumhabitats werden gewohnte Denkweisen in gewöhnliches Design umgesetzt, ohne dass hinterfragt wird, ob wir zum Mond oder zum Mars fliegen oder nur im Orbit unsere Runden drehen. Viele Designs für Mond- oder Marshabitate haben ein Layout wie ein normales Labor mit einer Miniwohnung und sind eingerichtet wie ein kommerzielles Möbelhaus. Sich von der irdischen Denkweise zu lösen, ist nicht ganz leicht. So wie bei uns ein Haus als Icon immer noch nur als Kubus mit Satteldach verständlich ist. Um das Paradigma Haus oder Mensch auf der Erde zu ändern, braucht es neben viel Einsatz auch Zeit.

Bei längeren Aufenthalten im All tritt also der menschliche Aspekt mehr in den Vordergrund?
Richtig. Der entscheidende Erfolg hängt stark von der kleinen Mikrogesellschaft des Raumschiffs ab, deren Wohlbefinden relevant wird, weil man weiß, dass in solch einem isolierten Raum oft die Motivation fehlt, eine Aufgabe zu erfüllen. Und das hängt wiederum von dem Raum ab, indem sie leben. Und hier wird die Architektur wichtig.



Heißt das, das bis jetzt die psychologische Betreuung der Astronauten vernachlässigt wurde?

Neben der Zukunftsvision, die anfangs immer technisch begründet war, gibt es auf der anderen Seite genug Menschen, die sofort auf eine bemannte Marsmission gehen würde. Obwohl solch eine Reise mindestens zwei Jahre dauern würde, ist es für uns momentan das letzte vorstellbare Abenteuer. Diese Abenteuerlust ist eine starke Motivationskomponente der Astronauten, die sie in jeder Maschine leben lässt - egal wie lebenswert das ist. Auf der Erde ist dieser „Raum im Weltraum“ empirisch nicht findbar, aber wichtig, um die Problematik einmal klarzustellen. Dafür müssen diese Simulationstests durchgeführt werden, bei denen man möglichst ähnliche Situationen kreiert. Hundertprozentig ist das aber nie möglich.


Werden auch kulturellen Unterschiede in einem „Big Brother“-Projekt im All wohl besonders deutlich?

Die Schwierigkeit besteht sicher darin, einen Raum zu bauen, der für verschiedene Kulturen, wie für Asiaten, Araber, Amerikaner und Russen geeignet ist. Die Russen haben mehr Erfahrung mit bemannten Missionen im Gegensatz zu den Amerikanern, was auch daran liegt, dass die Russen schon viel länger kontinuierlich eine Raumstation haben. Die Problematik besteht in der soziologischen und psychologischen Konstitution der Menschen, woraus dann zwischenmenschliche Beziehungen und Interaktionen resultieren. Es geht darum, dass man sich teilweise sehr eingeschlossen, sehr alleine fühlt. Zum anderen bedeutet die Situation im Orbit oder am Mond, immer den Blickkontakt zur Erde. Dieser Blick von außen, ist immer ein Blick auf uns selbst, auf die Geschichte und Tradition. Aber wesentlich enger.

Dieser Blick auf sich selbst, wie man sich als Mensch sieht und erfährt – so wie ein kleines Kind zum ersten Mal in den Spiegel schaut, bedeutete eine sehr differenzierte Sichtweise auf den Körper, den Raum und das Leben. Schon David Bowie singt als Major Tom davon. Was würde sich auf der Erde verändern, wenn es tatsächlich ein Hilton auf dem Mond gäbe?
Ganz allgemein kann man sagen, dass sich immer mehr Leute mit diesem Thema befassen, weil es vermehrt kommerzielle Ausblicke, wie ein Hotel am Mond oder im Orbit, gibt. Die Hotelkette Sheraton hatte schon Hotelkonzepte für den Mond gesponsert, ebenso entwickelt die japanische Baufirma Shimizu seit Jahren Hotels für den Orbit und den Mond. Der Mond ist deswegen ein gutes Territorium zu bauen, weil dieser Blickkontakt zur Erde noch vorhanden ist. Unsere Wahrnehmung würde sich auf jeden Fall prinzipiell verändern, auch die Maßstäbe. Wenn man plötzlich Weihnachten auf dem Mond verbringen kann, würde sich unsere oft sehr determinierte Vorstellung von Raum bestimmt auflösen. Hinzu kommt die körperliche Erfahrung der Schwerelosigkeit. Wir orientieren uns immer ganz stark an der xy-Ebene, die im Orbit nicht mehr existiert. So lässt sich der Raum ganz anders organisieren und wird größer. Allerdings variieren die damit verbunden psychologischen Auswirkungen auch kulturell, die Russen zum Beispiel sagen, es ist ihnen ziemlich egal, wo sie sich im Raum befinden, ob oben unten Mitte, während die Amerikaner sich wesentlich schlechter von ihren Konventionen lösen können.

Du hast die Tradition erwähnt. Welche sind im All noch möglich?
Eigentlich wird in Zukunft eine Mischung aus Festhalten an einer Kultur und autonomen Systemen entstehen. Die Japaner haben ein Modul für den Orbit entworfen, in dem die Einhaltung ihrer Teestunde und damit ein Teil ihrer Kultur auch im Weltraum möglich ist.

Wir setzen dann unsere Gewohnheiten im Weltall einfach fort?
Zum Teil, ja. Es hat sich gezeigt, dass man auf mehr Dinge Rücksicht nehmen muss, als anfangs gedacht. Dahingehend steckt die Weltraumtechnologie noch im Stadium des Experiments, vieles kann man noch nicht abschätzen. So sind Tische im Weltraum eigentlich unnötig geworden, aber es gibt sehr wohl Oberflächen, worauf man sein Essen stellen kann. Essen ist etwas sehr stark Sozialisierendes. Gerade in einer Umgebung, wo es wenige Möglichkeiten zur Sozialisierung gibt, wurde die Nahrungsaufnahme mittels Pillen wieder eingestellt. Das spielt für die Gestaltung eine wichtige Rolle und lässt auch bei der Organisation von Räumen auf der Erde einige Rückschlüsse zu.  

Du hast dich ja nicht vollkommen der Weltraumarchitektur verschrieben, welchen Einfluss nimmt deine Ausbildung auf die Architektur?
 Im Masterkurs wurde ich schon des öfteren gefragt, was ich als Architektin hier eigentlich mache. Meine Antwort damals war immer: “Jetzt kann ich es noch nicht sagen, aber in zehn Jahren weiß ich es vielleicht.“ Ich war von Anfang an überzeugt, dass mein grundsätzliches Interesse sich in meiner Arbeit widerspiegeln wird. Heute habe ich schon eine etwas klarere Vorstellung und ich beschäftige mich vor allem mit der Verschneidung der beiden „Welten“. Inzwischen befassen sich viele Architekten mit neuen Technologien und technologisierten Räumen oder Augemented Spaces. Es geht hier um eine technologische Infrastruktur, wie sie von Diller&Scofido oder Kaas Oosterhuis als interaktive, intelligente Raumhülle, materialisiert oder entmaterialisiert, propagiert wird. Ein Weltraumhabitat ist ebenfalls ein hoch technologisierter Raum, der aber im Moment eher Maschine, als lebende Umwelt, ist. Eine Zukunftsperspektive wäre deshalb, diesen Raum in Hinsicht auf einen Augmented Space auszubauen. Ein konzeptioneller Ansatz ist zum Beispiel das Projekt „Spacehab“ von Oosterhuis. Für mich verschmelzen Weltraum- und Erdarchitektur in ihrem Konzept immer mehr. Ein Beispiel: Greg Lynn, der in seinem Buch „Animate Form“ von Gravity, eigentlich eher von Anti-Gravity, spricht und davon, dass man Gebautes auch einmal losgelöst von seiner Vertikalität denken könnte und verschiedene Massen in einem dynamischen System stabil sind, wie auf Orbitbahnen. Als ich das gelesen habe, habe ich sofort an ein Raumschiff gedacht. Auf einer abstrakten Ebene gibt es deshalb viele Bezüge zwischen Erde und Weltall. Energie- und Materialtechnologisch gibt es natürlich viele Weltraumentwicklungen, die auf die Architektur Einfluss haben können, wie zum Beispiel intelligente Materialien, die sich dem Körper, für eine individuelle Sesselpolsterung anpassen.

Umgekehrt sieht man den direkten Einfluss bei der Gestaltung des der neu gestaltete Eingangsbereich der Austrian Space Agency (mit Birgit Trenkwalder und Friedel Winkler)?
Dieses Projekt beinhaltet eine kleine „Wahrnehmungsmaschine“. Im Wesentlichen wird dort ein Flug im Erdorbit simuliert, wie ein beweglicher Horizont. Die abstrakte konzeptionelle Seite der Beziehung zwischen erdgebundener und allgebundener Architektur ist sicherlich im Moment der stärkste Einflussfaktor für mich in der Architektur. Zum anderen gibt es auch auf der Erde unterschiedliche Enviroments und Extrembedingungen, wie die Antarktis, unter Wasser oder auf einem Gletscher.



Kommen wir zu dem selbstinitiierten Projekt, dem LunarBaseDesignWorkshop, die in den Räumlichkeiten der ESTEC (European Space and Technology Center) letztes Jahr stattgefunden hat und mit Unterstützung von Bernard Foing, dem Projektleiter der Smart1 Mission. Was kam dabei heraus?

Wir haben versucht, aus den wichtigsten Fachgebieten Spezialisten einzuladen und die Studententeams so interdisziplinär wie möglich zusammengesetzt, damit jeder seine unterschiedlichen Kapazitäten einbringen konnte. Im Vordergrund stand, einen Raum zu generieren, der die Situation auf dem Mond reflektiert. Es wurde darüber nachgedacht, wie man dort lebt: Wie schaut der Tagesablauf aus? Was für ein Raumprogramm brauche ich, wie viel Weite, wie viel Enge, wie definiere ich den Privatraum und wie stelle noch deutlich Bezug nach draußen her? Konzipiere ich die Forschungsstation als kleine autarke Einheit oder erweiterbar, modulartig?



Existieren schon Prototypen?

Die NASA hat natürlich schon Prototypen gebaut und sehr viel an aufblasbaren Habitaten geforscht – das sind Räume, die sich klein verpacken lassen und die sich dann auffalten, was natürlich ein irres Potenzial ist. Eine wichtiges Thema sind auch Pflanzen, als Grünhäuser, die der Forschung, aber auch als Nahrung dienen. Auch der Bezug nach außen ist relevant für solche Habitats.

Welche Rolle spielt in Zukunft die Kommunikation zur Erde?
Die Kommunikation ist auch jetzt schon wichtig. Die Russen haben immer darauf geachtet, weil sie wussten, wie wichtig der Kontakt zur Erde für das Wohlbefinden ihrer Kosmonauten ist: die Familien wurden ins Mission Control Center Moskau geholt – und dann gab es Gespräche mit den Kindern und Verwandten. Jetzt geht es natürlich darum, wie man anders als mittels persönliche Beziehungen, einen ummittelbaren Kontakt mit Zuhause herstellen kann. Das Videoconferencing, dass es auf der ISS gibt, funktioniert aus technischen Gründen meistens nicht also stellt sich die Frage nach anderen Möglichkeiten. Information könnte als Bewegung transportiert werden – wenn ich zum Beispiel einfach Teile vom Raum bewege, und dann, je nachdem wo ich mich hinverbinde auf der Erde oder auf dem Mars, ein Gegenimpuls stattfindet, den ich auch wahrnehmen kann, ist das eine Möglichkeit der Isolation zu entfliehen, wenn auch nur virtuell.



BARBARA IMHOF
 geboren  1969 in Wien
1996 Architektur-Diplom an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien
1997 MSS Master of Space Studies, International Space University in Strasbourg 
1997 – 2003 ESCAPE*spHERE in Wien mit Sandrine von Klot, und Birgit Trenkwalder
seit 1998 Assistenz an der TU-Wien, Institut für Hochbau 2, Prof. Helmut Richter 
Wissenschaftliche Publikationen, Workshops und Vorträge im Bereich Weltraumarchitektur 
in den USA, Holland, Belgien und Österreich, u.a. Mitarbeit beim Projekt BIOPLEX - NASA Johnson Space Center, Houston, TX-USA




updated on 01 // 2016