architektur 02
Der Mann,
der seine Frau mit einem Hut verwechselte


Der Architekt und das WWW.Erkzeug




Ein Komponist verlor sein visuelles Verständnis zur Welt, er war unfähig, ein Gesamtbild der ihn erreichenden Einzelfragmente in seinem Gehirn herzustellen. Er erkannte nur Details, Pixel, die sich ihm auf unverständliche Weise codierten. Er ersetzte diese Unfähigkeit durch seine ausgeprägte Fähigkeit zur Musik und machte aus jeder seiner Handlungen eine Komposition, an der er sich festhielt. So summte er bestimmte Melodien zu bestimmten Handlungen; Personen erkannte er nur durch ihre Bewegungen, die er in Musik umwandelte. Wurde er bei diesen Erkennungsmelodien plötzlich unterbrochen, fiel er in Verwirrung, und es war ihm nicht mehr möglich, die einstudierten Handlungen fortzusetzen. Er wusste nicht mehr was zu tun war, erkannte die Dinge nicht mehr und verwechselte Gegenstände. Das konnte dazu führen, dass er versuchte, sich den Kopf seiner Frau als Hut aufzusetzen. Das ist eine Geschichte von dem Neurophsychologen-Schriftsteller, Oliver Sacks. In seinem Buch beschreibt er eine Reihe von faszinierenden Fällen neurologischer Fehlleistungen, die zeigen, wie eigentlich geringe Störungen des Gehirns unser Bild von der verständlichen Welt verändern können. Dieses uns gewohnte Bild, das sich aus so vielen Eindrücken zusammensetzt und von uns in eingelernten Mechanismen decodiert wird, ist leicht aus den Bahnen zu werfen. Es zeigt aber auch wie sehr unsere Vorstellungen eingeschränkt sind und wie sie durch diese Störungen nicht nur begrenzt, sondern erweiterbar sind. Es geht um die Vorstellungskraft und um gewohnte Bilder, unsere Sichtweise, sie nicht unbedingt vollständig ist, und um den Wissenstand, der nicht unbedingt am Ende ist und mit dem wir erst umgehen lernen.

Die Geschichte ist eine Metapher für drei Versuche, einen Schritt im Raum weiter zu denken, aus unserem Denken heraus. Architekt Manfred Wolff-Plottegg, ortlos Architekten, und DI Petra Gemeinböck sind österreichische Vertreter einer Position, die sich weder auf Medientheorie, Architektur, Philosophie oder Programmiersprache reduzieren lassen. Sie versuchen, alle drei auf verschiedene Art und Weise, Prozesse in Gang zu bringen, die sich von gewohnten Begriffen und Raumvorstellungen loslösen. Wie ihnen das gelingt ist keiner Wertigkeit unterzogen, außer dem Wert des Betrachters. Sie alle schaffen Räume, virtuelle, auch erlebbare, aber sie sind auch losgelöst von der Form oder dem Ergebnis. Der Prozess ist von Interesse, der Parameter miteinbezieht, die aus Systemen kommen oder sich ständig erweitern oder verändern.Letztlich ist die Form, die Darstellung, das Ergebnis nicht als statisches Objekt zu sehen, an dem wir aus unserer Handfesten Erfahrung als Architekten immer noch festhalten, um es einer Beurteilung zu unterziehen. Doch eine soche Diskussion erübrigt sich bei diesen Projekten. Was sich rückwirkend in der Überprüfung der Realität für die Architektur entwickelt, ist erst im Ansatz zu sehen.

Ortlos: Der reale Ort
Ortlos (www.ortlos.com) sind Ivan Redi, Andrea Schroettner, Martin Frühwirth, haben alle drei in Graz studiert und gründeten sich 1998. 2000 wurden sie zur 7. Internationalen Architektur-Ausstellung "La Biennale di Venezia" zum Thema "The City: Less Aesthetics, more Ethics" eingeladen. Zum ersten mal onnten sie öffentlich Position beziehen, zu dem Grundgedanken ihres Verständnisses der Architektur und Medienwelt. Sie wollten die "neue Arbeitsweise in der Architektur symbolisch darstellen". Ihrer Installation folgt die Darstellung von Architektur, der klassischen Zeichnungen, 3D-Bildern und Vernetzungen in einer begehbaren Wolke. Allerdings ist das nur ein Hilfsmittel, eine Überlagerung all diese Möglichkeiten zu zeigen, die so eigentlich nicht mehr darstellbar sind. Ihre Projekte, wie "City at Once", gehen von Anfang an von einer Selbstorganistation aus. Dennoch werden reale Welten und Bilder präsentiert, deren Hintergrund oder deren Prozess in einem Bild schwer dar- und vorstellbar sind. "Das Konzept von ortlos ist, ein virtuelles Büro zu organisieren, mit dem Ziel, ein fortschrittliches Instrument für Architektur, städtebaulichen Aufgaben und Interface Design im Allgemeinen zu schaffen. Also eine Plattform, ein kreatives Pool, unterstützt durch Informationsdatenbanken. Ortlos ist ein Werkzeug für normadische Arbeitsweisen." Das kann man wollen, aber genauso wie ihre Projekte in Prozessen ständig überprüft werden, wird die Arbeitsweise das auch. Es sind Experimente, die notwendig sind, und die man fern von Abbildungen sehen muss. Mehr der Versuch, eine Kommunikation zwischen "Nutzer und Entwicklern" in möglichst erweiterten Netzwerken herzustellen.

"Uzume": Interaktivität in einer Cave
Petra Gemeinböck hat an der TU-Wien mit dem Architekturstudium begonnen und in Stuttgard diplomiert, wo sie als erste Studentin mit Unterstützung des Fraunhofer Institut ihr Projekt "Uzume" realisieren konnte. In einer Cave, eine Box mit damals vier Projektionsflächen und einem 1:1-Rechner entwickelte sie ein sehr künstlerisches Projekt, das erstmals dem benutzer der Cave eine interaktive Handlung ermöglichte. "Uzume" ist der Name einer japanischen Göttin und heißt "wirbeln". Die Geschichte von Uzume erzählt von einem Tanz, mit dem sie es schaffte, die Sonnengöttin Amaterasu aus ihrer Höhle zu locken. Die interaktive Installation "Uzume" lockt auch, und zwar den besucher, in eine Welt, die sich abstrakt verändert und "wirbelt". Ausgestattet mit einer 3D-Brille und zwei Joysticks, in jeder Hand einen, betritt man die Cave. Wenn man dieses System besucht, ist man selbst der Akteur. Der Besucher muss sich bewegen; mit jeder Geste entwickelt sich ein anderes Bild von "Uzume", die endlos in ihren Formen reagiert. So hat jeder Akteur seinen eigenen individuellen Tanz vor Augen, oder vor der Brille. Das Besondere an diesem Projekt ist die Programmierung des "unsichtbaren" Raumes der Cave. In einem Raster sind Raumpunkte eigenen Gesetzmäßigkeiten einer trägen Masse unterworfen, in dieser bewegt sich "Uzume" in Form von Schleifen um den Akteur. Petra Gemeinböck studiert jetzt in Chicago, und "Uzume" wird dieses Jahr sowohl in Linz am ars-electronica-center als auch am ICC-Center in Tokyo gezeigt werden.

Plottegg-Plots
Der Architekt Manfred Wolff-Plottegg war einer der ersten Österreichischen Architekten, die sich mit dem Computer als Werkzeug beschäftigte. Nicht nur graphische Darstellungsweisen wurden in die Entwürfe miteinbezogen, sondern es fand stets eine Auseinandersetzung mit den möglichen Prozessen statt, die ihn als Architekten im Laufe der Zeit immer mehr als Entwerfer herausnahm und den Computer "rechnen" ließ. Wie beim "Binären Haus", das nur in der CPU des Computers exisitiert. "Es ist keine gebaute Architektur, es ist ein architektonischer Gedanke." Es hat auch keine Dimension. Beim Urnenfriedhof in Graz wird davon ausgegangen, dass sich jeder seinen Ort selbst suchen kann. Dadurch mögliche Entwicklungen wurden am Computer durch Zufallsgenerator überprüft. Entstehende Muster bedeuten aber nicht das zukünftige Gebäude, sondern zeigen deren mögliche Zustände. Der Prozess des Gebauten wäre aber dennoch dem Zufall überlassen.

Manfred Wolff-Plottegg hat sich in diversen Austellungen, wie "Ortlos", Graz 1996, mit Peter Weibel oder Plotteg-Plotts", Graz 2000, und Vorträgen theoretisch mit experimenteller Architektur auseinandergesetzt. In dem anschließenden Interview bezieht er Stellung zu seinen Erkenntnissen über die Jahre der Beschäftigung mit dem Medium und den gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Bilder: ...man wird sehen

Die drei Positionen zeigen einen Ausschnitt, ein Spektrum an Möglichkeiten. Allerdings wird klar, dass das Werkzeug Computer schon längst mehr bedeutet als ein Darstellungsinstrument. Die Lehre hinkt dem weit hinterher. International gesehen ist die Szene klein; wenige Architekten, wie Greg Lynn, Kas Oosterhuis, Frank S. Chu oder Nox sind noch in diesem Kreis angesiedelt. Diller und Scofidio arbeiten seit langem mit einer medialen Architektur, die auf bestehende Räume reagiert. Jeder für sich sucht nach vorstellbaren Möglichkeiten und neuen Wegen. Um das erst erwähnte Bild des Mannes, der seine Frau mit einem Hut verwechselt, wieder zu verwenden: Lassen wir bekanntes hinter uns, das bestimmt wird von Erfahrungen und Gewohnheiten. Wir sind als Mediengesellschaft mitten in einem Prozess, der uns schon viele Dinge anders betrachten lässt. Unser Auge kann Einzelbilder sehen, und wir laufen nicht mehr aus dem Kino wenn ein Zug frontal auf der Leinwand auf uns zufährt. Räumlich und strukturell werden unsere Sinne in Zukunft gefragt sein. Wir müssen unsere Vorstellungskraft erweitern und neue Möglichkeiten sehen. Und bestimmt nicht nur in ästhetischer Hinsicht.

updated on 01 // 2016