Spiel mit Zeitgeist: 6 aus 45
Architektur entsteht nicht nur aus Wettbewerben. Auch, wie man weiß, sind Wettbewerbe, kein Garant für die Qualität der Projekte oder für die Architekten Garant einer Auftragserteilung. Wettbewerbsarbeit ist Akquisition mit vollem Risiko und „ohne Gewähr“ – und immer weniger eine Chance. Warum leisten sich Architekten, diese nach ökonomischen Kriterien höchst zweifelhaften Versuche, zu einem Auftrag zu kommen? Eine Suche nach Wirtschaftlichkeit in der Kreativ-Branche Architektur.



Manuela Hötzl


Gute Witze haben immer ihren wahren Kern. Über Architekten kursieren wenige, der folgende ist aber bezeichnend für die Branche: Ein Arzt, ein Rechtsanwalt und ein Architekt gewinnen eine Million Euro im Lotto. Arzt und Rechtsanwalt machen sich selbstständig, gründen eine Firma und Klinik, sorgen vor, vermehren ihren Gewinn und gehen wirtschaftlich gut situiert in Pension. Sie haben das Geld im Sinne ihres Berufstandes gut investiert. Der Architekt dagegen arbeitet so lange, bis das Geld weg ist. Wie das geht, weiß jeder: mittels Wettbewerbe.



Man sitzt nach einer Vernissage in Berlin einem österreichischen Architekten mit Bürositz in Köln gegenüber. Deutschland hat grundsätzlich ein anderes Wettbewerbssystem ausschließlich mit Bewerbungsverfahren, dennoch meint der Architekt, nimmt er sich jedes Jahr auf neue vor: „ab jetzt keine Wettbewerbe mehr.“ Und dann findet er sich doch wieder in der stillen Kammer - einen Wettbewerb zeichnend: „Im Grunde ist es sehr bequem, wenn auch nicht wirtschaftlich. Man bekommt eine Aufgabe mittels der Ausschreibungsunterlagen und kann für sich nach einer Lösung suchen.“ Und. „Wenn man gewinnt, dann ist es ein Projekt, zu dem man stehen kann.“ 
Doch auch dann geht das Lotteriespiel weiter: Selbst wenn man bei einem Wettbewerb als Sieger hervorgeht, heißt das nicht folgerichtig, auch einen Auftrag zu bekommen. Johannes Schnitzer (Bundesarchitektenkammer) warnt vor voreiliger Freude: „Planungsleistungen können nur und ausschließlich über ein Verhandlungsverfahren vergeben werden.“ Das führt des Öfteren zu Missverständnissen, denn Wettbewerbe müssen nicht direkt in einen Auftrag münden – und tun dies auch allzu häufig nicht. Es ist fast wie bei einer Schwangerschaft, wenn man die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung nachliest, wundert man sich über die vielen Kinder, die es doch gibt. Gewinnt man also bei einem Wettbewerb mit an die 50 Teilnehmern (Tendenz stetig steigend), hat man immer noch maximal eine 50-prozentige Chance die Planungsleitung für die Realisierung zu übernehmen. 
Ein Wiener Architekt meint dazu: „Wirtschaftlich sind Wettbewerbe nur, wenn man welche gewinnt. Aber das System Wettbewerb ist leider die einzige Möglichkeit, öffentliche Aufträge halbwegs fair zu verteilen.“ Sein Büro hat sechs von elf gewonnen Wettbewerben auch gebaut – und liegt damit eher über dem Durchschnitt der Trefferquote. Eine kleine Umfrage bei wettbewerbsaktiven Architekturbüros mittlerer Größe mit 10 bis 20 Mitarbeiter und einem Umsatz zwischen einer bis drei Millionen Umsatz hat ergeben, dass diese Büros außerdem bis zu 20 Prozent des Umsatzes wieder in Wettbewerbe investieren. 
Nach der Studie „Branchenanalysen zu Arbeit und Beschäftigung in Wiener Creative Industries (Architektur, Design, Film/Rundfunk, Software/Mulitmedia und Werbung) vom Jänner 2005 sind allerdings 40 Prozent der Büros unter einem Umsatz von 100.000 Euro, 17 Prozent gar unter 35.000 und nur zwei Prozent bei über 2,5 Millionen Euro (alles Kammermitglieder). Da braucht man nicht mehr lange nachzurechnen. Diese Zahlen beweisen deutlich, dass der Berufstand trotz stetig steigender Baubranche, im Argen liegt. Die erwähnte Studie geht außerdem davon aus, dass 50 Prozent der ca. 9.000 Architekten in Österreich nicht ausschließlich von ihrer Profession als Architekt leben können. Wettbewerbe sind bei diesen, meist ein Personen-Büros, genauso Chance, wie Risiko. Dazu kommt, dass immer öfter Wettbewerbe mit vorgeschalteten Bewerbungskriterien abgewickelt werden. Diese, nicht geladenen, aber nicht-offenen Wettbewerbe, geben so zum Beispiel Umsatzzahlen vor, die nach obigen Zahlen schon von vornherein die meisten Büros ausschließt. Kleine Büros können sich nur mehr unter Zusammenschluss an solchen beteiligen. Die Wettbewerbslandschaft wird außerdem tendenziell enger und juridischer. Immer mehr Architekten berichten von Anforderungen und Wettbewerben, die nicht mehr Ideen oder Entwürfe reihen, sondern eher auf juristisch „wasserdichte“ Ausschreibungen setzen und nach wirtschaftlichen Merkmalen beurteilen.
Die Gefahr liegt auf der Hand, nicht nur weniger Architekten werden von vornherein zugelassen, sondern vorgeschaltete Ausschreibungs- und Vorprüfer sortieren nicht nach Qualität, sondern nach wirtschaftlichen Kriterien. So steigt zwar die Nachfrage nach Architektur ständig, wie die Baubranche auch – sie wächst im Gegensatz zu Deutschland sogar stärker als die Gesamtwirtschaft – die Architekten geraten aber immer mehr unter Druck.
Natürlich sind viele Ausnahmen zu finden. In Österreich, wo die öffentliche Hand den wichtigsten Bauherrn darstellt und an die 200 Millionen Honorar an Architekturleistungen vergibt, ist die Situation noch nicht so drastisch, wie im Nachbarland. Doch auch Vorbildbauherr, Geschäftsführer der BIG, Christoph Stadlhuber, legt klar: „Faktum ist: Die Priorität für den Bauherrn liegt klar in der Harmonie von Wirtschaftlichkeit und baukünstlerischer Qualität. Dieses Zusammenspiel muss jedenfalls gewährleistet sein.“
Auch die Bauträgerwettbewerbe, die es seit 1995 in Wien gibt, sind grundsätzlich eine Erfolgsgeschichte, die eine frühe Zusammenarbeit zwischen Architekt und Bauherr gewährleistet und damit feinere Abstimmungen aller Beteiligten ermöglicht.

Befriedigende Ergebnisse hängen aber von jedem Einzelnen ab. Die Wettbewerbsordnung (WOA) stellt nämlich nur eine Empfehlung dar. Niemand, auch der öffentliche Auftraggeber muss sich daran halten. Jurist Josef Aicher, Fachmann für Vergaberecht, meinte in einem Interview 2005: „Kein öffentlicher Auftraggeber ist an die Wettbewerbsordnung gebunden. Nachdem Bundesvergabegesetz kann sich ein Auslober selbst eine Wettbewerbsordnung geben.“ Aicher sieht deswegen einen Bedarf „ an ergänzenden Regelungen zum Gesetz über den Wettbewerbsablauf“, wie etwa der Leitfaden der Stadt Wien. Prinzipiell wäre es außerdem möglich, „dass der Gesetzgeber aus der WOA Eckpunkte in das Gesetz aufnimmt“. Im Moment sind wir nur weit davon entfernt. Und die Architekten werden mehr (über 700 Absolventen jährlich in Österreich), die Wettbewerbe weniger und ausschließender. 
Aicher: „Bei großen Vorhaben hat der öffentliche Auslober durchaus legitime Interessen, qualifizierte leistungsfähige Büros zu bekommen und das stellt er mit einer relativ hohen Anforderung an Eignungs- und Auswahlkriterien sicher. Doch läuft der Auftraggeber damit Gefahr, sich den Markt nicht nur für das konkrete Projekt extrem zu verengen, sondern den Markt auch für die Zukunft zu beeinträchtigen.“ 
Eine zufriedenstellende Lösung kann also nur individuell gestaltet werden. Wettbewerbe ist jedenfalls keine Allheilmittel für die Marktsituation und vor allem für die Architektur. Mehr Ideenwettbewerbe, mehr direkte Vergaben (auch an Frischlinge) und eine wettbewerbsfreie Zone könnte in manchen Fällen viele Mankos vermeiden. Und Juristen entlasten.


updated on 01 // 2016