ORIS 96: WALK THE LINE
„Wientalterrassen“, 2015
Architekten: Silja Tillner
und Alfred Willinger
www.tw-arch.at
Fotos: Rupert Steiner

www.oris.hr


Wien wächst und das so schnell wie nie zuvor. Für 2030 sind zwei Millionen Einwohner prognostiziert, also rund 250.000 mehr. Zuletzt war dieses Wachstum um die Jahrhundertwende abzulesen ­ und wie damals ist die Stadtregierung vor großen städtebaulichen Aufgaben gestellt: Ein neuer Flächenwidmungsplan, überarbeitete Hochhausleitlinien, die Präsentation der baukulturellen Leitsätze von Wien, der Masterplan Glacis und die Diskussion um das Weltkulturerbe zeigen aber, dass sich nicht nur punktuell etwas tut. Wenig überraschend ist, dass mit dem Wachstum auch vermehrt der öffentliche Raum diskutiert wird. Das betrifft Platzgestaltungen oder Parks ebenso wie Freiraumplanung oder alternative Verkehrswege. Dennoch hat sich in der Stadtgeschichte das Thema „Freiraum“ als kein leichtes herausgestellt. Jahrelange Diskussionen und unzählige Konzepte zum Karlsplatz oder der lange Realisierungsprozess des Schwarzenbergplatzes sind nicht unbedingt Highlights in der Wiener Raumplanung. Doch auch in diesem Bereich sind in den letzten Jahren Projekte entstanden, die längerfristige und nachhaltige Konzepte realisieren und sich verstärkt dem öffentlichen Raum widmen. Ein Beispiel: Die von Otto Wagner geprägte, lange Schneise des Wientals. Das Wiental reicht von der westlichen Wiener Stadtgrenze bis zur Mündung direkt in den Donaukanal. Der Fluss wurde Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen Otto Wagners reguliert und wird seitdem in einem künstlichen Flussbett durch die Stadt geführt. Parallel dazu kam es zur Errichtung der Stadtbahn (heute U4). Von der ebenso geplanten Überplattung des Wienflusses, um einen Boulevard bis Schönbrunn zu bauen, sind nur Teile bis zum bekannten Naschmarkt realisiert.

Das Projekt der „Wientalterrassen“ von den Architekten Silja Tillner und Alfred Willinger könnte man als Zitat der unvollendeten Überplattung lesen. Sie schließen städtebaulich und räumlich daran an und bilden ein Teilprojekt für ein neues städtebauliches Leitbild, dass mit diversen Maßnahmen das gesamte Wiental aufwerten soll. In Rücksicht auf immer wieder auftretende Hochwasserstände sind Konzepte zur Begrünung des Flussbeckens stets erneut verworfen worden. Das Konzept der Architekten Tillner und Willinger holt den Wienfluss dennoch näher an den Stadtraum und reagiert speziell auf die Notwendigkeit mehr öffentlichen Raum zu schaffen. Die „Wientalterrassen“ stellen ein verbindendes Element und charakteristisches Element für die Zone entlang des Wientals dar – und das durchaus orts- und platzbezogen. Darüber hinaus schaffen die drei geplanten Terrassen neue konsumfreie, öffentliche Flächen und integrieren die Fuß- und Radwege entlang der Bahn. Im September 2015 wurde nun die erste Terrasse an der U-Bahnstation Pilgramgasse fertiggestellt – die Veränderung im Stadtbild war sofort wahrnehmbar. Platz braucht Bewegung und Ruhe. Beides bietet die, ungewöhnlich für Wien, mit Holz beplankte, Terrasse: Nicht nur der tote Winkel im hinteren Bereich der U-Bahn Station wird offen und durchlässig, auch die Fassade der Häuser mit ihren Grünstreifen und der Wienfluss selbst, werden erneut Teil eines erweiterten Stadtraums. Wichtiges Element für den neuen Knotenpunkt ist die zusätzliche Fußgängerbrücke, die den 5. Bezirk mit dem 6. verbindet und den Zugang von beiden Seiten ermöglicht.
Die Terrasse ist gut positioniert, weil sie definitiv einen neuen Platz schafft, den Unort aufwertet und die Wegeführung integriert. Ausführung, Konstruktion und Materialität der Terrasse schließen – durchaus zeitgenössisch und verfeinert – an den technoiden Charme der Stadtbahn von Otto Wagner an; eine „Die Schönheit des Nutzens“. Mit über 1.000 Quadratmetern (Länge: 76 Meter, Breite: 13,5 Meter) überspannt die Terrasse die U-Bahn und neigt sich leicht über den Wienfluss. Stützen und Betonplatte sind Teil einer ganzheitlichen Gestaltung, die bis zu den Sitzbänken und Pflanzentrögen reicht. Die Holzoberfläche, mit integrierten Rampen, faltet sich zu einer eigenen Terrassen-Landschaft und schafft so trotz umliegendem Verkehr einen Ruhepunkt in einem Umfeld, das urbaner nicht sein könnte.

Wientalterrassen, Wien, Österreich

Fotos: Rupert Steiner

updated on 01 // 2016