INTERVIEW - Ich bin ein bauender Architekt
Manuela Hötzl im Gespräch mit Adrian Meyer

Der Schweizer Architekt Adrian Meyer gründete 1968 das durch unzählige Bauten und Publikationen bekannte Büro BURKARD MEYER. Ganz aktuell der Wettbewerbssieg für das neue Fussballstadium in Zürich am Areal Hardturm. Doch Adrian Meyer machte sich nicht nur als bauender, sondern auch als lehrender – und denkender – Architekt einen Namen. Von 1994 bis 2008 prägte er als Professor an der ETH Zürich das Architekturdepartment; mit einem hohem Vermittlungsanspruch und Authentizität. Nach über 2000 Studenten, des Unterrichtens nicht müde, holt ihn die TU-Wien dieses Jahr bereits zum dritten Mal als Gastprofessor. Aus diesem Anlass traf FORUM den leidenschaftlichen Lehrer und sprach mit ihm über Verantwortung, Radikalität, Louis Kahn und Bob Dylan.

Erschienen im Architektur&Bauforum, FORUM 5/2013,
Portrait: Larry Williams


Sie haben erst unlängst an der TU Wien einen Vortrag mit dem Titel „Das eine im anderen?“ gehalten. Was darf man sich darunter vorstellen?
Diesen Titel habe ich von Hugo Suter – einem wunderbaren Künstler und Freund – übernommen. Gemeint ist, dass jedes Projekt schon im nächsten angelegt ist. Und das nächste im übernächsten.


Auch im Sinne von Kontext, oder geht es um eine persönliche Kontinuität?
Nein, es geht einfach um die Haltung. Ich will darauf hinweisen, dass nicht jede Arbeit oder jedes Projekt für sich selbst steht und dann einfach durch etwas völlig anderes oder Neues abgelöst wird. So ist das nicht. Ich habe auch keine Vorstellung von modern oder zeitgemäß – ich interessiere mich nicht für das, was genau in diesem Moment gefragt ist.

Stefano Boeri hat einmal zu mir gesagt, dass wir alle Traditionalisten bleiben sollten – das sei die einzige Möglichkeit, mit der Vergangenheit umzugehen. Finden Sie sich in der Haltung wieder? Oder ist das „Antimoderne“ doch etwas spezifisch Schweizerisches?

Vom „Schweizerischen“ will ich nicht sprechen. Die Geschichte lehrt uns, dass Architektur immer in der Lage sein sollte, einen gewissen Charakter von Vertrautheit in sich zu tragen. Man sollte Elemente wiedererkennen, die zeitlich und räumlich weit voneinander weg sein können. Der Begriff des „Traditionalismus“ hat für mich etwas Missverständliches. Dennoch: Architektur sollte immer auch Geschichte beinhalten. Ich muss über die Geschichte der Architektur Bescheid wissen, insbesondere über die Wirkungsgeschichte und die Zusammenhänge. Das ist mein Anspruch, den ich an meine Arbeit und an mich selbst stelle.

Sie sprechen über die Entwicklung der Architektur in der
Zeitachse. Wie sehr beeinflusst sie der Ort?

Im Grunde genommen habe ich ein sehr idealisiertes Bild von der Natur – oder besser: eine idealisierte Vorstellung von einer reinen Natur. Das sind Bilder, die man im Kopf trägt – die es aber in Wirklichkeit nicht gibt. Vieles von dem, was man als natürlich empfindet, ist längst domestiziert. Zum anderen gibt es das Idealbild einer Stadt – einer europäischen Stadt, die es so, auch schon längst nicht mehr gibt. Diese beiden idealisierten Vorstellungen stehen einer Wirklichkeit gegenüber, die mir beim Entwerfen dauernd diese, meine, sozialromantische Vorstellung zerstört.

Also Sie bauen Ihre Architektur in einem Kontext, den es eigentlich gar nicht gibt? Das ist die Idee, der Anfang des Entwurfs?
Genau. Natürlich kenne ich den Kontext. Natürlich sehe ich den Ort. Aber ich nehme den Kontext nicht in seinem Hyperrealismus war, sondern in einer übersetzten Form. Also wenn Sie so wollen, ist das beim Entwerfen mein Kontext. Das macht die Projekte radikal, eben weil diese innerhalb dieser idealisierten Vorstellung von Landschaft und Stadt entstehen. „Radikal“ heißt ja eigentlich nichts anderes als „von der Wurzel her“. Das heißt, ich denke ganz abstrakt und lasse mich nicht irre machen durch viel Verkehr, Verschmutzung, Lärm und so weiter. Der Einfluss von dem, was da auf einen einwirkt, ist ermüdend. Eigentlich hält man die Tatsächlichkeit nur aus, wenn man sie abstrahiert.

Tony Fretton spricht in diesem Zusammenhang von Kommunikation. Häuser passen sich nicht an, sie kommunizieren. Auf ihre träge Art und Weise reagiert Architektur mittels ihrer formalen Sprache. Sind Sie damit einverstanden?
Das meine ich ja, dass sich Gebäude reiben, mit der Realität des Ortes und des Kontextes – daraus entsteht eine differenzierte Radikalität von Projekten.

Wie würden Sie denn die Entwicklung des Architekten als Beruf bewerten? Sie haben sich in Ihrem Text mit dem Titel „Schweigen der Lämmer“ dazu geäußert. Hat der Architekt die Kontrolle verloren?
Die Destabilisierung unseres Berufs nimmt in der Tat galoppierende Züge an.  Ich muss fast schon zu meinem Berufsbild sagen: „Ich bin ein bauender Architekt.“ Und dann gibt es noch, und dann gibt es noch, und dann gibt es noch. Und das alles sind auch Architekten. Ich finde es durchaus richtig, dass es so ist – aber einfacher macht es das für die gesellschaftliche Definition nicht. Das Thema der Nachhaltigkeit wird gesellschaftlich fast ausschließlich dem Bauen „umgehängt“. Als wäre das eine Erfindung der jetzigen Zeit, ausgerechnet der jetzigen Zeit. Die Welt ist wahrscheinlich noch nie, das ist meine Meinung, in einer so desolaten Situation gewesen, wie sie jetzt ist. Wir wissen nämlich kaum, wie wir Hunger, Abfall, Umweltverschmutzung usw. lösen sollen. Wir brauchten, hat Sloterdijk gesagt, längst eine zweite Welt. Und uns Architekten wird dauernd auf die Finger geklopft, als wäre gute Architektur nicht schon immer nachhaltig gewesen.

Welche gesellschaftliche oder politische Verantwortung kann ein Architekt denn überhaupt übernehmen? Also auch in Bezug auf China? Wie würden Sie auf einen größeren Auftrag in Peking reagieren?
Die Frage zielt natürlich genau ins Zentrum dessen, wo wir wirklich gefragt sind und auch Stellung beziehen müssen. Dass Architekten in der Regel apolitisch operieren, weiß man. Das ist leider in einer globalisierten Welt wenig hilfreich. Das heißt nicht, wenn ich jetzt gefragt werde, ob ich in China baue, dass ich Nein sagen würde. Ich würde mich richtig informieren wollen und Kooperationen suchen. Das sind komplexe Aufgaben, auch städtebaulich. Ich wäre sicher insgesamt schwer im Zweifel. Zweifeln ist auch gut. Politisch zu agieren muss ja auch gelernt sein. Da fehlt es oft an Argumenten und Überzeugungskraft. Ich plädiere dafür, dass wir uns als Architekten zumindest politisch verständigen und engagieren. Das können wir nicht einfach außen vor lassen. Auch weil die Gefahr groß ist, dass Architektur immer auf das Design reduziert wird, und das ist fatal. Das dürfen Sie ruhig so schreiben. Ein globales Problem. Die Globalisierung mit ihren Import-Export-Aspekten bringt auf dem Gebiet der Architektur oft genug bloßen Austausch von Karosserien hervor: je lustiger, desto lustiger. Das führt nirgendwo hin, außer zu sich selbst. Da bleibt keine Frage mehr nach einer sozialen Verantwortung. Es ist immer nur die Frage nach dem „Brand“ und danach, ob sich jemand im Erfolg suhlt, um sich permanent zu wiederholen. Und wenn wir schon beim Starsystem sind: Man muss sich schon ganz besonders fühlen, wenn man glaubt: „Das mache ich jetzt noch einmal und noch einmal.“ Da lobe ich mir den großen Verweigerer Bob Dylan. Der kopiert sich nicht. Für mich ist er deshalb eine Persönlichkeit, weil er immer wieder die gesellschaftlichen Erwartungen an ihn unterläuft.

Gibt es für Sie auch einen Bob Dylan der Architektur?
Ja. ich meine, Herzog & de Meuron haben eine ähnliche Tendenz. Die könnten sich schon längst ausruhen, selbst kopieren – aber das machen sie nicht.

Zurück zu Europa. Existiert denn neben der globalen Architektur überhaupt noch eine regionale? Sie bauen hauptsächlich in der Schweiz; und überhaupt scheint in der Schweiz selbst noch wenig Architektur importiert zu werden.
Ich will nicht verleugnen, dass ich da, wo ich bin, auch bin. Daraus entwickelt sich alles. Das heißt nicht, dass man die Welt darum herum nicht kennt, aber im Grunde genommen entstehen unsere Projekte aus der Differenz, die immer wieder innerhalb des eigenen relativ kleinen Umfelds entsteht. Der Austausch mit Kollegen aus England, Deutschland, Frankreich, Italien oder Österreich ist rege – viele bauen in der Schweiz und umgekehrt. Dieser reale und intellektuelle Austausch ist wichtig und befruchtend.

Europa hat aber andere Probleme zu lösen als etwa China?
Jein, würde ich sagen. Es ist eher das Gegenteil der Fall: ein Schrumpf-Problem. Zum Beispiel in der ehemaligen DDR oder im Burgenland. Die Städte und Dörfer zerfallen und fransen an den Rändern aus. Die europäische Stadt hat schon lange ihre Definition an den Rändern verloren. Überall sind diese Sprawls. Unendliche Sprawls. Nicht nur in Görlitz. Da gibt es ganze Strassenzüge, die leer sind, wie die Bahnhofstraße bis zum Bahnhof. Alle Häuser, sechs Geschoße, vom Erdgeschoß bis zum Dach, sind leer. Was macht man mit solchen urbanen Schrumpfungsprozessen? Wenn ich aber von der europäischen Stadt spreche und vor allem von der idealisierten europäischen Stadt, habe ich Camillo Sitte im Kopf, ich habe die italienischen oder spanischen Städte im Kopf oder die deutschen, die es nicht mehr gibt, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind. Ich meine diese gefassten Räume, die damals schon eigentlich teilweise gute Qualität von Dichte hatten und die mit Atmosphäre gefüllt sind. Das kommt uns immer weiter abhanden, vor allem, wenn wir an diese ausgefransten Ränder denken, da findet sich nichts von urbaner Qualität. Nur Shoppingcenter, Autohandel, Baumärkte usw. Als entwerfender Architekt komme ich dann immer wieder auf unsere idealisierten Stadtvorstellungen zurück.

Sie haben viele Jahre lang an der ETH Zürich unterrichtet und machen auch jetzt als emeritierter Professor an der TU Wien weiter. Was wollen Sie den Studenten vermitteln?
Ich kann meinen Studenten nichts anderes vermitteln, als das, was ich selber denke. Man muss das, was man denkt und vertritt, auch vorleben. Sonst bin ich nicht glaubwürdig oder authentisch. Ich hatte viele Studenten, und ich glaube, meine Lehre ist nicht ganz ohne Spuren geblieben. Ich unterrichte gern neben meiner praktischen Tätigkeit. Ich mag besonders diese Generation, die neugierig und wissbegierig ist. Plötzlich kann ich aus persönlichen Erfahrungen schöpfen – verloren geglaubte Themen kommen wieder. Der Strukturalismus, der Brutalismus, Alison&Peter Smithson oder Reyner Banham und Louis Kahn. Dann sag ich: „Das ist ja meine Heimat. Können wir vielleicht noch über Bob Dylan sprechen?“ Ich habe jahrelang nicht darüber sprechen können, weil das die Studenten nicht wirklich interessiert hat, und jetzt sind sie wissbegierig und hören es bei mir; authentisch. Warum, glauben Sie, kehrten diese Themen zurück?

Und warum ist der Strukturalismus jetzt zurück?
Er war natürlich nie weg. Aber es ist durchaus interessant, wann etwas wiederkommt. Wie jetzt Louis Kahn mit der großen Ausstellung von Stanislaus von Moos. Man hatte Louis Kahn fälschlicherweise lange in die postmoderne Ecke gesteckt – das ist wirkungsgeschichtlich schon falsch. Kahn war besessen von Architektur und von Zweifeln zerfressen. Jedem Entwurf hat er sich behutsam über hunderte von Zeichnungen und Modellen angenähert. Seine Bauten wurden zu zeitlosen Ikonen.

Und wie sehr versuchen Sie die Studenten auch in öffentliche Diskussionen einzubinden?
Da habe ich ein wenig Respekt. Natürlich muss eine Universität eine Mischung zwischen geschlossener Anstalt und gläsernem Palast sein. Aber Studenten durchleben auch kritische Momente. Sie sind jung, vielleicht verwirrt und haben viel zu lernen. Es muss einfach möglich sein, dass ein Student innerhalb eines Semesters eine Krise einzieht, etwas ausprobiert und abstürzt. Sonst macht er Mainstream von Anfang an. Die Studenten müssen spüren, dass man sie schätzt und auch in all ihren Wegen und Irrwegen begleitet. Das gilt auch für ihre Wege des Lernens, auf denen müssen sie aufbauen können, und dafür muss ich da sein. Es war für mich immer ein Privileg zu unterrichten. Ich wurde relativ spät berufen, erst mit fünfzig, dann habe ich das fünfzehn Jahre lang gemacht bis zu meiner Emeritierung in Zürich, aber müde bin ich nicht geworden.

Was geben Sie Ihren Studenten mit?
Ich habe das Rebellische in mir nie völlig unterdrückt. Dazu stifte ich auch meine Studenten an – zu einem gesunden Ungehorsam: „Komm, riskier es mal. Dreh es mal um. Hab keine Angst, das Undenkbare zu denken und zu wagen.“ Dieses Denken ist sehr wichtig. Ein Paradoxon. Das Gegenteil von dem zu denken, was man eigentlich meint. Daraus entstehen gute Lösungen. Dann gibt es auch gute Projekte. Die schlechten kann man ohnehin selten verhindern, aber die guten zumindest ermöglichen.

updated on 01 // 2016