I CALL IT WONDER
aus: Wonderland, Ausstellungskatalog

Text: Manuela Hötzl

"Die schönste Erfahrung, die wir machen können, ist das Mysteriöse. Es ist das fundamentale Gefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und wahrer Wissenschaft steht. Wer auch immer das nicht weiß, kann sich nicht mehr wundern, kann nicht mehr staunen, ist so gut wie tot, und seine Augen sind getrübt.“  Albert Einstein

Ein Wunder ist ein Mysterium, ein Phänomen, das sich vordergründig dem Verstand und dem Verständnis der Realität entzieht. Es beinhaltet auch das Unsichtbare, das im Allgemeinen positiv besetzt ist. Vor einem Wunder verneigt sich der Mensch und bekennt seine Unkenntnis. Ein Wunder birgt auch die Überraschung in sich, hinter dem Wunder existiert „etwas“, das Erstaunen auslöst.(1) Ein Wunder ist nichts Visionäres, nichts Utopisches, ein Wunder ist Verwunderung über eine mögliche Realität, die außerhalb der momentanen Vorstellungskraft liegt. Diese Kraft kommt, interpretiert man Albert Einstein, aus einer Emotionalität und Phantasie, die Wissenschaft und Kunst gleichermaßen beeinflusst und vorantreibt. Erst wenn man bereit ist, sich zu „wundern“, kommt man zu Einsichten, die fern der erlernten Erfahrungsskala liegen und erst dann gilt das Motto der Ausstellung: „Was denkbar ist, ist machbar“.


Die Ausstellung verweist also auf das Machbare, der Praxis von Architektur. Doch bleiben wir noch im Hintergrund, bei dem Gedanken des Unsichtbaren. Bleiben wir noch in der Vorstellung, der Erfahrung und Emotionalität, bleiben wir noch dort, wo unsere Gedanken beflügelt werden, bleiben wir in Wonderland. Zu „Architektur und Wunder“ assoziiert man zuerst die „7 Weltwunder“. Diese veranschaulichen Machbarkeit und Macht auf elitäre Art und Weise. Sie stehen für eine kraftvolle Welt, die allerdings nur für wenige zugänglich ist.
Oder „Alice in Wonderland“ – eine phantasievolle Geschichte um ein kleines Mädchen, dass in eine andere Welt abtaucht, in der andere Gesetze gelten. Doch ist diese Welt zusammengesetzt aus bekannten, alltäglichen Dingen. Die Welt wird für Alice nur anders wahrnehmbar – eine kleine Verschiebung der Parameter, schafft es den Raum, Zeit und die Wahrnehmung zu verändern. Alice ist eine Besucherin in den Räumen von Wunderland. Die Geschichte ist Phantasie und nicht Realität. Zaha Hadid beschreibt Phantasie nicht als „Schönheit des Machbaren“, sondern als „die Möglichkeit des Machbaren.“ (2) Aber man kann noch weitergehen. Architektur ist als Wunder denkbar. Architektur kann das Unsichtbare, die Überraschung, die Erfahrung, das Wissen beinhalten und darstellen. Als „Wonderland“ ist Architektur die Abbildung eines kulturellen und wissenschaftlichen Gedächtnisses.

Ein Traum

31. Oktober.2001: In Graz findet ein Symposium zum Thema „Zeit“ statt, das ich moderieren soll. Einem Freund erzähle ich von Walter Benjamins Bild einer Stadt. Benjamin stellt sich in diesem Bild alle Bewohner mit einer Schildkröte an der Leine vor. Die Tiere zwingen die Bewohner zu einer Verlangsamung, und ohne die Stadt zu verändern, wird die sie dennoch völlig anders wahrgenommen. Daraufhin überreicht mir mein Freund ein Buch: „Mr. Tompkins in Wonderland“ des Wissenschafters G. Gamow. Inspiriert von „Alice in Wonderland“ und dem Autor „Lewis Carroll“ gewidmet, lässt Gamow „Mr. Tompkins“ in seinem Wunderland leben, träumen und denken. Auch in dieser Geschichte wird die Wirklichkeit der Welt verändert. Doch diesmal hat sie einen realen Hintergrund – Gamow erklärt die Relativitätstheorie von Albert Einstein anhand von Tompkins Wunderland. Er vermittelt durch die Verschiebung der Wahrnehmung „Relativity of Space and Time“, „Curved Space and Gravitation“ und „The Quantum of Action“. Schon im Vorwort stellt Gamow die eingelernten Mechanismen in Frage und propagiert die Fähigkeiten unserer fünf Sinne: “Von Kindheit an werden wir an die uns umgebende Welt, die wir durch unsere fünf Sinne wahrnehmen, gewöhnt; in diesem Stadium der psychischen Entwicklung werden die grundlegenden Vorstellungen von Raum, Zeit und Bewegung geformt. Unser Verstand wird so bald wie möglich an diese Vorstellungen gewöhnt, sodass wir später veranlasst sind zu glauben, dass unser Begriff von der Welt, als einzig mögliche, darauf begründet ist, und die einzige Vorstellung davon ist.“(3) Der Wissenschaftler kreiert eine neue Welt für Mr. Tompkins, um eine reale erfahrbar zu machen: „Der Held der Geschichte wird in seinen Träumen, in mehrere Welten dieser Art transferiert, wo das Phänomen, normalerweise unseren gewöhnlichen Sinnen unzugänglich bleibt, sie sind so übertrieben, dass sie einfach als Ereignisse im täglichen Leben beobachtet werden können:“Es wird gehofft, dass die ungewöhnlichen Erfahrungen von Mr. Tompkins in diesen Welten dem Leser helfen werden, ein klareres Bild des versteckten Hintergrunds der wirklichen physikalischen Welt zu formen, als das in der wir leben.“(3) Der Leser bekommt durch Mr. Tompkins Abenteuer in einer konstruierten, phantasievollen Geschichte die  Relativitätstheorie erklärt oder vielmehr erlebt er sie in Bildern, Räumen und Ereignissen. Diese Geschichte ist nicht mehr Phantasie, sie ist Realität: Das Wunder der Relativitätstheorie und das Wunder der Erkenntnis.

Ein Bild

28. Juli.2002: Ich stehe vor einer Fotografie, die in einem Leuchtkasten an der Wand des Kasseler Friedricianum hängt. Das Bild zeigt ein düsteres Zimmer, ein schwarzer Mann sitzt mit dem Rücken zur Kamera, keine Fenster, die Möbel sind abgenutzt und mit Papier und schmutzigen Handtüchern bedeckt. Benutztes Geschirr, karierte Tücher an der Decke, Fotos oder Postkarten sind an die Wand geheftet. Doch die ganze Unruhe und Unordnung wird überdeckt von Hunderten von Glühbirnen, die an der Decke des Raumes angebracht sind. Man fühlt sich als Voyeur, als Eindringling. Der Titel des Bildes verstärkt diesen Eindruck: „Der Unsichtbare Mann“, nach dem gleichnamigen Roman von Ralph Ellison – arrangiert und fotografiert von Jeff Wall. Das Zimmer ist die Inszenierung der Kellerwohnung in Harlem, der Rückzugsort des „unsichtbaren“ Protagonisten des Romans. Und dort erfährt man, dass die 1.369 Glühbirnen an der Decke (gestohlener Strom von den New Yorker Kraftwerken) ihm erst Gestalt verleihen. “Vielleicht klingt es seltsam, dass ein Unsichtbarer Licht braucht, sich nach Licht sehnt und Licht liebt. Aber vielleicht kommt es daher, dass ich unsichtbar bin. Licht bestätigt meine Realität, gebiert meine Gestalt.“(4) Wall verleiht nicht nur dem „Unsichtbaren“ eine Gestalt, er bringt mit der Abbildung des Raumes eine Komplexität zum Vorschein, macht eine Momentaufnahme des kulturellen Gedächtnisses sichtbar – die Fotografie vermittelt eine ganze Welt und Wunderwelt, die eine Realität abbildet und sie gleichzeitig reflektiert „Im Bild des Ortes, an dem sich der Protagonist, unsichtbar für die Außenwelt, auf eine künftige Rolle in der Gesellschaft vorbereitet, verdichtet Wall das Potential der Selbst- und Weltkenntnis“.(5) Das Wunder dieses Bildes stellt das Abbild einer Welt dar, ihre Dichte und Geschichte – das Gedächtnis in Form von Literatur und einem irrealen Raum, der zur Realität wird, etwas klar und spürbar macht und dennoch in seiner Unvollendbarkeit verharrt. Eine „Aufklärung der geprägten Gegenwart“, die sich „hier gepaart mit Momenten der Hoffnung und der Überzeugung von der Heilkraft der Kunst“(5) zeigt. Ein „Wunderland“, das sich nicht auf das Machbare, sondern das Vorstellbare bezieht. Die Sichtbarmachung öffnet eine bereits bestehende Welt, zeigt „etwas“, ohne eine Utopie zu propagieren. Es ist eine Neuzusammensetzung einer bestehenden Welt, der Produktion und möglichen Sichtbarmachung.

Ein Abenteuer

Was „Mr. Tompkins in Wonderland” erlebt, oder was der “Unsichtbare Mann” auf der Fotografie von Jeff Wall darstellt – ist wesentlich für das Begreifen einer Wunderwelt. Schon Rachelle Steiner beschreibt das Konzept der Kunstausstellung „Wonderland“, die 2000  in St.Louis Art Museum stattgefunden hat, in diese Richtung “Wonderland umfasst Arbeiten der Kunst, die den Raum definieren und transformieren, und ermutigen aktiv unser Verbindung mit und innerhalb dieses Raumes.“(6) Für die Architektur wird damit nicht nur der Aspekt des Raumes deutlich, sondern auch die des Abbildes in Form einer Ausstellung – Rachelle Steiner: “… Wonderland erschafft einen Raum, nicht durch die Ausstellung selbst, sondern durch die Beziehung der Arbeiten und Künstler zueinander.“(6) Die Verbindung der einzelnen Büros in dieser Ausstellung bestimmt ein eigenes Abbild, sie ist eine Erzählung bereits bestehender Zusammenhänge. Aber reale Architektur ist mehr als das Abbild komplexer kultureller, wissenschaftlicher, ökonomischer Zusammenhänge – sie kann die Tür öffnen zu einem dreidimensionalen Wunder – einer Wunderwelt. Wunder sind für die Architektur wichtiger geworden als Visionen. Bilder wie „Walking cities“ haben ausgedient. Das Wunder ist die Realität, die staunen lässt. Das Wunder der Architektur ist ein Schritt weiter – aus der Bildproduktion heraus. Architektur kann mehr als der „Unsichtbare Mann“ und „Mr. Tompkins“. Architektur ist mehr als Machbarkeit und Sichtbarkeit. Architektur kann ein Wunder erlebbar machen. Architektur ist „Wonderland“.


(1)    (wonder: 1.neugierig oder gespannt sein, gern wissen mögen; sich fragen, überlegen; sich wundern, erstaunt sein, 2. Staunen sächlich, Verwunderung weiblich; Wunder sächlich;)
(2)    Spectrum 3./4. August.2002, Interview mit Zaha Hadid, Seite 4
(3)    „Mr. Tompkins in Wonderland“, G.Gamow, Cambridge: At the University Press; 1962
(4)    “Der Unsichtbare Mann”, Ralph Ellison; Rowohlt, 1998, Seite 11
(5)    Documenta11_Platform5: Ausstellung/Exhibition, Kurzführer, Hatje Cantz; Jeff Wall, Seite 234
(6)    „Wonderland“; St.Louis Art Museum, 2000; Rachelle Steiner


„The most beautiful experience we can have is the mysterios. It is the fundamental emotion which stands at the cradle of the true art and true science. Whoever does not know it can no longer wonder, no longer marvel, is as good as dead, and his eyes are dimmed.”(Albert Einstein)

(3)„From early childhood onwards we grow accustomed to the surrounding world as we perceive it through our five senses; in this stage of mental development the fundamental notions of space, time and motion are formed. Our mind soon becomes accustomed to these notions that later on we inclined to believe that our concept of the outside world based on them is the only possible one, and any idea.”

(3)“The hero of the present stories is transferred, in his dreams, into several worlds of this type, where the phenomena, usually inaccessible to our ordinary senses, are so strongly exaggerated that they could be easily observed as the events of ordinary life. It is hoped that the unusual experiences of Mr. Tompkins in these worlds will help the reader to form a clearer picture of the hidden background oft the actual physical world in which we are living.”

updated on 01 // 2016